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Von der Idee zum Entrepreneur: Das Gründerökosystem der Hochschule Hof

Das Thema Unternehmensgründung hat an deutschen Hochschulen Konjunktur und wird zunehmend zum Profilierungsmerkmal. Am besten lässt sich dies an der Zahl der Entrepreneurship-Lehrstühle festmachen, die sich in den letzten Jahren auf über 140 Professuren an öffentlichen und privaten Hochschulen in Deutschland gesteigert hat. Dieser Trend hat u.a. damit zu tun, dass Gründern wichtige volkswirtschaftliche Funktionen zukommen, sind sie doch häufig Treiber von Wachstum, Innovation und regionalem Strukturwandel. An der Hochschule Hof ist in den letzten Jahren ein bemerkenswertes Ökosystem für Gründerinnen und Gründer entstanden, dessen erste Erfolge bereits sichtbar sind.

Prof. Dr.-Ing. Anke Müller (Professorin für Fertigungsverfahren im Maschinenbau, Leiterin des Projektes BMBF StartupLab@FH und Dekanin der Fakultät Ingenieurwissenschaften), Prof. Dr.-Ing. Tobias Plessing (unten; Professor für Energietechnik, Wissenschaftl. Leiter des iwe, Vorsitzender des hlb Bayern e.V.) und Prof. Dr. Michael Seidel (Professor für BWL, insb. Entrepreneurship und Regionalmanagement, Wissenschaftlicher Leiter des Digitalen Gründerzentrums EINSTEIN1);

Zumindest die Betriebswirtschaftslehre (BWL) brauchte einige Zeit, bevor sie begann, sich für kleine Startups und dem Unternehmer in seiner Persönlichkeit zu interessieren. Inzwischen ist aber gerade die BWL das Fachgebiet, das erhebliche Forschungsbeiträge zum Unternehmertum leistet und entsprechend viele Aus- und Fortbildungsmodule bereitstellt. Parallel dazu werden Startups auch von Regionen zunehmend als Entwicklungsmotor und Imagefaktor entdeckt. Wird die Entwicklung des Silicon Valley oder Berlins betrachtet, so wird das Potenzial von Startups für die regionale Strukturentwicklung unmittelbar klar, wenn sich auch solche Entwicklungen nur bedingt reproduzieren lassen. Im Rahmen der Third Mission sind Hochschulen häufig in regionalen Gründerökosystemen „die Spinne im Netz“, also das verbindende Element.

Initiative “Gründerland Bayern” als Wegbereiter

Das Vorbild des Silicon Valley war auch für die Bayerische Staatsregierung maßgebend, als sie – vertreten durch das Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie – vor einigen Jahren die Initiative Gründerland Bayern ins Leben rief. Mit Angeboten zu Finanzierung und Förderung, Beratung und Coaching, Netzwerke und Infrastruktur oder Richtig gründen unterstützt sie angehende Unternehmerinnen und Unternehmer. Sie richtet sich an Gründer aller Branchen und in jeder Gründungsphase – von der Erstellung eines Businessplans über die Suche nach der passenden Finanzierung bis in die Wachstumsphase. Gründerland Bayern unterstützt sowohl Neugründungen als Unternehmensnachfolgen.

Ein Kernstück der Kampagne sind hierbei 19 Digitale Gründerzentren an 28 Standorten sowie weitere rund 40 allgemeine und technologieorientierte Gründerzentren. Dabei werden folgende Services vorgehalten:

  • Büro- und Lagerflächen bei günstiger Miete sowie Coworking,
  • gemeinsam nutzbare Büro- und Präsentationsausrüstung,
  • Dienstleistungen wie Empfang, Sekretariat, Telefon- und Postservice sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit,
  • Rat und Tat beim Kontakt mit Behörden und Institutionen,
  • Hilfe bei Anträgen auf Fördermittel, Finanzierung und anderen offiziellen Schriftwechseln, Fachveranstaltungen, Seminaren, Kontakt- und Networking-Events.

An der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hof ist das Digitale Gründerzentrum Einstein1 das Herzstück des Entrepreneurial Ecosystems und befindet sich folgerichtig mitten auf dem Hochschulcampus.

Das Digitale Gründerzentrum EINSTEIN1 am Campus der Hochschule Hof (Abbildung 1). Bild: Michael Seidel;

Das Digitale Gründerzentrum Einstein 1

Die zentrale Lage auf dem Campus ist eine Grundvoraussetzung für ausreichend Frequenz, ebenso aber auch für eine kuratierte Offenheit – also eine Kultur der Begegnung und der gegenseitigen Inspiration. Dies wird durch offene Türen des Gründerzentrums erlebbar sowie durch eine Café-Atmosphäre im Eingangsbereich und im Coworking-Space. Das Gebäude setzt sich architektonisch von anderen Gebäuden am Campus ab: Der Open Space im Erdgeschoß ist flexibel für Events aller Art nutzbar, genauso wie die Dachterrasse, die zum Kreativ-Sein und Verweilen über den Dächern der Stadt einlädt. Im ersten Stock dazwischen ist alles etwas seriöser. Dort haben bis zu zehn Startup-Teams eigene Büros, um auch einmal ungestört an ihren Projekten zu arbeiten. Aber auch dort laden Glaswände sowie ein kleiner Café- und Fitness-Bereich zur Begegnung und Vernetzung ein. Der Erfolg des Modells wird an den folgenden drei Punkten deutlich:

  • Gut ein Jahr nach Eröffnung war schon ein Großteil der Startup-Büros vermietet.
  • Das Gebäude wirkt als Magnet und bündelt gründungsrelevante Events nicht nur der Hochschule, sondern auch der Kammern, Gebietskörperschaften und Wirtschaftsförderungen. Die regionale Wirtschaft wird über Ideation- und Design Thinking-Workshops integriert und in ihrer Digitalisierung unterstützt.
  • Es ist ein Treffpunkt der Gründerszene der gesamten Region entstanden. Diese findet ihren Ausdruck in nahezu wöchentlichen Netzwerkveranstaltungen (z. B. Digital Thursday), bei dem neben eigentlichen Fachthemen viel Raum zum Kennenlernen und gegenseitiger Inspiration verbleibt.

Schulterschluss mit Politik und Wirtschaft

Da eine Gründerinfrastruktur im ländlichen Raum kein Selbstläufer ist, haben sich die Hochschule und die drei Gebietskörperschaften Hochfrankens zu einer GmbH zusammengeschlossen, maßgeblich unterstützt von der regionalen Wirtschaft über langjährige Sponsorenzusagen. Die Unterstützungsleistungen betten sich ein in eine ganze Reihe von Services, die Gründungswilligen am Campus zur Verfügung stehen und werden in der frühen Phase durch Schnittstellenmanagement in den Gründernachwuchs und die Gründerlehre der Hochschule Hof ergänzt (siehe Abbildung 2).

Customer Journey im Gründerökosystem der Hochschule Hof in Zusammenarbeit mit dem Digitalen Gründerzentrum EINSTEIN1 (Abbildung 2); Quelle: privat;

Angebote für eine erfolgreiche Costumer Journey

Die gründerbezogene Customer Journey umfasst eine Vielzahl von Angeboten, die im Sinne eines „End-to-End-Ansatzes“ sowohl die Vorgründungsphase, als auch die Gründungs- und Wachstumsphase junger Unternehmen adressieren.

In der Vorgründungsphase wird in Hof sehr viel Wert auf Ideengewinnung (Ideation) und auf eine Sensibilisierung für die Selbstständigkeit als Alternative zu einer Karriere in KMU- oder Großunternehmen gelegt.

Die Entrepreneurship-Lehre stützt sich generell auf curricular verankerte Angebote und umfasst insbesondere die Studienrichtung „Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Entrepreneurship und Tech-Startups“ sowie Masterprogramme im Bereich Digitalisierung. Um die nötige Interdisziplinarität zu gewährleisten werden die Kurse für viele Studiengänge gleichzeitig geöffnet. So arbeiten etwa im Modul „Geschäftsmodelle entwickeln und gestalten“ Teams mit unterschiedlichem fachlichen Hintergrund an innovativen Gründungsideen und werden dabei nicht nur vom Dozenten, sondern auch von Coaches und Mentoren aus dem Unterstützungsnetzwerk begleitet. Dies soll einen ausreichenden Dealflow für nachfolgende individuelle Betreuungs- und Beratungsangebote sowie einen Nachschub interessanter Mieter im Gründerzentrum sicherstellen.

Interdisziplinäre Lehrformate

Um das Gründerökosystem ganzheitlich abzubilden und durch attraktive Angebote zu unterstützen wurden in Hof interdisziplinäre Lehrformate ausgeweitet und zum Teil in curriculare Formen integriert, um auch aus anderen Fachdisziplinen wie den Ingenieurswissenschaften oder der Informatik, Gründernachwuchs zu generieren. Dazu zählen zum Beispiel die „Ideationweek“ sowie diverse Workshops und das für alle Hochschulangehörige offene Makerspace, eine Art offenes digitales Fertigungslabor nach Fablab-Vorbild, welches ein niederschwelliges Ausprobieren von Ideen, das Herstellen von Prototypen aus Forschungsprojekten der Hochschulangehörigen und das Heranführen an die Gründermentalität bereits zu frühen Studienzeitpunkten oder sogar im höheren Schüleralter ermöglicht. Die Hochschule Hof konnte diese frühe Phase mit Hilfe der Förderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung im Rahmen der Initiative StartUpLab@FH realisieren.

Austausch mit BayStartUP

Das regionale Unterstützungssystem interagiert dabei mit den bayernweiten Supportsystemen. So finden regelmäßige Coachings von BayStartUP in allen bayerischen Gründerzentren statt. In Hof ist auch ein regionales Business-Angels-Netzwerk im Entstehen, das bei der Frühphasenfinanzierung wertvolle Beiträge leistet.

Lesen Sie auch:
Wie eine erfolgreiche Costumer Journey im Rahmen des Gründerökosystems der Hochschule Hof in der Praxis aussehen kann – ein Beispiel anhand der BtX energy GmbH.

Prof. Dr.-Ing. Tobias Plessing
Prof. Dr.-Ing. Anke Müller
Prof. Dr. Michael Seidel

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