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Von Reststoff zu Hochleistungszwirn – Durchbruch in der Münchberger Textilforschung

Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Wirtschaftlichkeit prägen seit Jahren die Forschung am Institut für Materialwissenschaften (ifm) am Campus Münchberg. Gerade das textile Recycling gewinnt dabei immer stärker an Bedeutung – nicht zuletzt befeuert durch Absolventinnen und Absolventen, die in regionalen wie überregionalen Unternehmen textile Innovationsprozesse vorantreiben.

Die Projektverantwortlichen mit ihren Gästen: (von links) Stephan Fichtner, Projektbetreuer am Institut für Materialwissenschaften (ifm) in Münchberg, Andreas Will, Projektbetreuer der Weberei, Theodolf Fritsche GmbH (Helmbrechts), Sonja Hübner, Projektkoordinatorin bei Fritsche, Bernd Witzgall, Projektbetreuer der RVN Faserproduktion GmbH (Neuenmarkt), Landrat Dr. Oliver Bär, der Münchberger Bürgermeister Christian Zuber, Alexandra Luft, Forschungsgruppenleiterin Innovative Textilien am Hochschulcampus Münchberg, Uwe Schwittai, Webereitechnologe am ifm, Harald Ott, ebenfalls Webereitechnologe, und ifm-Leiter Professor Frank Ficker. Foto: Frank Wunderatsch;

Ein aktuelles Beispiel für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Industrie ist das Projekt WEBKARR, das gemeinsam mit der Weberei Theodolf Fritsche GmbH aus Helmbrechts am ifm umgesetzt wurde. Das Unternehmen produziert Spezialgewebe für Schutzkleidung – insbesondere für Feuerwehr, Polizei und Militär. Bei der Herstellung dieser hochleistungsfähigen Meta-Aramidstoffe entstehen systembedingt große Mengen sogenannter Webkanten, bislang ein wertstoffreicher, aber kaum genutzter Reststoff.

Entwicklung zum Hochleistungsringgarn

In einem interdisziplinären Team entwickelten Münchberger Textilspezialistinnen und -spezialisten eine bisher weltweit führende Methode, um diese Webkanten aufzubereiten und zu neuen, hochfesten Ringgarnen zu verspinnen. Eine besondere technologische Herausforderung, denn Meta-Aramid gilt als anspruchsvoll in der Weiterverarbeitung. Dank des spezifischen Know-hows in der Münchberger Spinnereitechnologie gelang es jedoch, die Webkanten nicht nur nutzbar zu machen, sondern Garnqualitäten zu erzeugen, die über die bisherigen Erwartungen hinausgehen.

Bislang wurden Meta-Aramid-Webkanten – deren Materialwert rund 50 Euro pro Kilogramm beträgt – entweder zu Vliesstoffen verarbeitet oder sogar kostenintensiv thermisch entsorgt. Mit WEBKARR eröffnet sich nun ein qualitativ hochwertiger, wirtschaftlich lohnender und nachhaltiger Verwertungsweg.

Ein verblüffendes Ergebnis

Ende Oktober wurde das Projekt erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt – im Beisein von Landrat Dr. Oliver Bär und Münchbergs Bürgermeister Christian Zuber. Beide gehörten zu den Testpersonen, die an einer Webmaschine sowohl marktübliche Referenzzwirne als auch die neuen WEBKARR-Recyclingzwirne blind beurteilen sollten. Die Auflösung sorgte für Begeisterung: Die recycelten Zwirne schnitten gleich gut oder sogar besser ab als die konventionellen Vergleichsprodukte.

Bürgermeister Christian Zuber zeigte sich beeindruckt:

„Mit Münchberger Textilwissen kann aus vermeintlichen Abfällen Neues und Hochwertiges geschaffen werden – das macht uns resilienter.“

Christian Zuber, Bürgermeister Münchberg

Auch Landrat Bär unterstrich die Bedeutung des Projekts:

WEBKARR ist ein idealtypisches Beispiel für die Zusammenarbeit von Forschung und Wirtschaft, wie wir sie uns für unsere Region wünschen.“

Dr. Oliver Bär, Landrat des Landkreises Hof

Ausblick: Vom Labor in die Schutzkleidung

Auf Grundlage der ifm-Ergebnisse will die Weberei Fritsche die WEBKARR-Zwirne ab dem neuen Jahr weiterentwickeln. Aufgrund der hervorragenden Testergebnisse plant das Unternehmen, die Recyclinggarne nicht nur im Futterstoff, sondern auch im Oberstoff von Schutzkleidung einzusetzen. Damit könnte WEBKARR ein wichtiger Schritt hin zu nachhaltigen und gleichzeitig leistungsfähigen Materialkreisläufen in der Textilindustrie werden.

Projektpartner im Überblick

  • Weberei Theodolf Fritsche GmbH (Ideengeber), Helmbrechts – Sonja Hübner & Andreas Will (beide Münchberger Absolventen)
  • Institut für Materialwissenschaften (ifm), Hochschule Hof – Projektbetreuung: Stephan Fichtner (Münchberger Absolvent)
  • RVN Faserproduktion GmbH, Neuenmarkt – Projektbetreuung: Bernd Witzgall (Münchberger Absolvent)
  • Rieter, Winterthur (Schweiz) – assoziierter Partner im Spinnereimaschinenbau; Cheftechnologe: Michael Will (Münchberger Absolvent)
  • Spinnerei Otto, Dietenheim (Baden-Württemberg) – Unterauftragnehmer
  • AGATEX, Österreich – als Lieferant von WEBKARR-Textilhilfsmitteln; Anwendungstechnikleiter Thomas Maier (Münchberger Absolvent)

Gefördert wird WEBKARR durch das Bayerische Verbundforschungsprogramm „Materialien und Werkstoff“ des Bayerischen Wirtschaftsministeriums.

Stephan Fichtner
Rainer Krauß

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