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Herausforderung im Wasser: Medikamentenrückstände und andere Mikroschadstoffe

Die unscheinbarste Alltagsbewegung – der Griff zur Klospülung – kann Folgen haben, die weit über das Badezimmer hinausreichen. Welche, das zeigte am 6. November 2025 die Stadtvorlesung der Hochschule Hof im Münchberger Schützenhaus. Unter dem Titel „Wenn die Klospülung zur Apotheke wird – Wege zu einem nachhaltigen Wasserkreislauf“ widmete sich die Veranstaltung einer Gefahr, die man weder riecht noch sieht, deren Wirkung jedoch tief ins ökologische Gleichgewicht eingreift: Mikro-Schadstoffe im Wasserkreislauf.

Begrüßung durch den Vizepräsidenten für Forschung, Prof. Valentin Plenk; Bild: Hochschule Hof;

Arzneimittelrückstände, Haushaltschemikalien, Mikroplastik oder multiresistente Keime – Stoffe, die aus Haushalten, Krankenhäusern oder Landwirtschaft ins Abwasser gelangen – gewinnen zunehmend an Bedeutung für Ökotoxikologie und öffentliche Gesundheit. Die Stadtvorlesung machte deutlich, wie komplex das Zusammenspiel aus Chemie, Biologie, Geologie und Toxikologie geworden ist.

Die Ökotoxikologie versucht, zu verstehen, wie sich die Umwelt selbst verhält – und was passiert, wenn der Mensch Stoffe einträgt, deren Wirkung lange unterschätzt wurde.“

Prof. Dr. Tobias Schnabel

Ein historischer Blick führte zu Rachel Carson, deren Buch Silent Spring 1962 erstmals die ökologischen Folgen des Insektizids DDT aufzeigte und eine neue Ära des Umweltbewusstseins einleitete. Bis heute verdeutlichen Beispiele wie hormonaktive Stoffe oder langlebige Chemikalien, wie sensibel natürliche Systeme reagieren. Besonders eindrücklich: Schon Nanogramm-Mengen, also einige Billionstel Gramm pro Liter Wasser, können für Fische oder Amphibien gravierende Auswirkungen haben – etwa veränderte Geschlechtsentwicklung oder Störungen des Hormonsystems.

Was bedeuten Schmerzmittel in Fließgewässern

Tobias Schnabel, Professor für Urbanes Wasserressourcenmanagement an der Hochschule Hof, zeigte anhand realer Messdaten, wie verbreitet Arzneimittelrückstände heute sind. Schmerzmittel wie Diclofenac, Antibiotika oder Kontrastmittel finden sich in fast allen Fließgewässern Deutschlands wieder. Manche Substanzen werden im menschlichen Körper kaum abgebaut, andere passieren Kläranlagen nahezu unverändert. „Wir sprechen hier nicht von Einzelfällen, sondern von Dauerbelastungen“, betonte er.

Wie fragil das ökologische Gleichgewicht ist, verdeutlichte das Beispiel der Geierpopulationen in Südasien: Geier, die Kadaver von mit Diclofenac behandeltem Vieh (insb. Kühe) fraßen, starben schnell aufgrund der toxischen Wirkung des Medikaments. Infolge reduzierte sich ihre Population maßgeblich. Und auch in Europa gibt es Fälle, in denen langlebige Industriechemikalien ganze Trinkwassergebiete unbrauchbar machten.

Neue Ansätze für nachhaltigen Wasserkreislauf

Doch die Stadtvorlesung zeichnete den gut vierzig Gästen nicht nur ein düsteres Bild, sondern stellte auch Ansätze für einen nachhaltigeren Wasserkreislauf vor: verbesserte Klärtechniken, gezielte Erfassung von Krankenhausabwässern direkt am Entstehungsort und nicht erst nach der Verdünnung, neue analytische Verfahren, aber auch bessere Aufklärung im Alltag. Entscheidend sei, so der Tenor von Tobias Schnabel, dass chemische Innovation und Umweltwissen zusammenarbeiten.

Der geborene Gothaer stellte seine neuen Ansätze vor, die zum Beispiel gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt entwickelt werden. Technologien, die ursprünglich für geschlossene Wasserkreisläufe einer künftigen Mondstation gedacht waren, könnten künftig auch in deutschen Kliniken helfen: Etwa Diamant-beschichtete Elektroden, die in der Lage sind, Medikamentenrückstände und pathogene Keime hocheffizient abzubauen. Ergänzend kommen photokatalytische Verfahren zum Einsatz, die nahezu alle organischen Spurenstoffe bis zu CO₂ und Wasser mineralisieren können – mit Ausnahme extrem stabiler Fluorverbindungen (PFAS).

Und Mikroplastik?

Der Referent machte deutlich, dass Mikroplastik überwiegend nicht aus Kläranlagen stammt, sondern vor allem durch Reifenabrieb auf Verkehrsflächen entsteht. Mit dem Publikum wurde angeregt diskutiert, wie künftig verursachergerechte Modelle aussehen könnten, um Reinigungsmaßnahmen zu finanzieren.

Die Hochschule Hof will die Diskussion weiterführen. Denn jede Tablette, jede Salbe und jedes Reinigungsmittel beginnt und endet nicht im Haushalt, sondern in einem globalen Kreislauf, der uns alle betrifft. Die Klospülung, so wurde an diesem Abend klar, ist längst mehr als ein technischer Vorgang – sie ist ein Gradmesser dafür, wie bewusst unsere Gesellschaft mit Stoffen umgeht, die zwar kleinste Spuren hinterlassen, aber größte Wirkung entfalten können.

Anne-Christine Habbel

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