Schon lange vor Beginn der Veranstaltung war klar, dass das Thema einen Nerv trifft: Nach rund drei Wochen war die Veranstaltung ausgebucht! Mehr als 60 Besucherinnen und Besucher kamen am Mittwochabend ins Studierendencafé „Zur Auszeit“ in der Hofer Innenstadt. Vor der Tür bildete sich sogar eine spontane Warteliste. Die 13. Stadtvorlesung der Hochschule Hof stand unter dem Titel „Wissen, Denken, Reden. Wie man zwischen den Zeilen die Wahrheit entdecken kann“ – und entpuppte sich als ebenso unterhaltsamer wie nachdenklicher Ausflug in die Welt der Sprache.
Referent des Abends war Professor Carsten Stark. Der Soziologe bezeichnete sich selbst augenzwinkernd als „Exoten“ an der Hochschule Hof. Während die Hochschule vor allem für ihre MINT-Fächer bekannt sei – also Studiengänge aus Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik –, beschäftige er sich mit den gesellschaftlichen und sprachlichen Dimensionen menschlichen Handelns.

Im Mittelpunkt seines Vortrags stand die sogenannte objektive Hermeneutik, eine Methode der Sozialforschung, die gesprochene und geschriebene Sprache bis ins Detail analysiert.
Ich lege jedes Wort auf die Goldwaage bei dieser Methode und so erfährt man mehr, als die Menschen eigentlich sagen wollen.”
Prof. Dr. Carsten Stark
Es gehe dabei nicht darum, herauszufinden, was jemand gemeint habe. „Wir fragen absolut nicht, was die Menschen denken, sondern wir wollen wissen, was hinter den Worten steckt.“
Anhand eines echten Erpresserschreibens führte der Professor die Gäste Schritt für Schritt durch die Methode. Gemeinsam wurde untersucht, welche Begriffe gewählt wurden, welche Formulierungen auffielen – und welche Wörter gerade nicht verwendet wurden. So zeigte sich etwa, dass der Verfasser sein Opfer zwar förmlich siezte, zugleich aber über erstaunlich detaillierte Kenntnisse aus dessen Alltag verfügte. Unter Anleitung des Referenten gelang es dem Publikum rasch, den Täterkreis einzugrenzen. Der Verdacht fiel schließlich auf eine Person aus dem unmittelbaren nachbarschaftlichen Umfeld.
Zwischen den Zeilen steht mehr Text, als der Redner eigentlich sagen möchte.”
Prof. Dr. Carsten Stark
Sein Ziel sei es, die „Sinnlogik“ eines Textes zu erschließen. Besonders aufschlussreich seien jene Stellen, an denen Erzählungen Widersprüche oder Brüche aufweisen. „Wenn Menschen Geschichten erzählen, halten sie die Sinnlogik nicht lange durch“, sagte der Wissenschaftler. Für ihn sei deshalb jedes einzelne Wort „eine Goldgrube“.
Die Methode komme nicht nur in der Wissenschaft zum Einsatz. Stark berichtete auch von seiner Zusammenarbeit mit Polizeibehörden. Dort könne die Analyse von Aussagen helfen, Prognosen zu treffen – etwa bei der Frage nach der Rückfallgefahr von Straftätern, der Stabilität von Beziehungen oder der Einschätzung von Suizidrisiken. Die Vorgehensweise zeichne sich durch eine hohe prognostische Genauigkeit aus.
In einem zweiten Fallbeispiel analysierte der Referent ein Fernsehinterview mit einer Angehörigen des Hochadels nach einer Trennung. Gemeinsam mit dem Publikum arbeitete er sprachliche Muster und mögliche Manipulationstechniken heraus. Dabei wurde deutlich, wie viel sich aus scheinbar beiläufigen Formulierungen ableiten lässt.
Immer wieder schlug Stark den Bogen in die Gegenwart. In der Diskussion kamen unter anderem die Rhetorik von US-Präsident Donald Trump sowie öffentliche Debatten rund um den jüngsten Christopher Street Day in Hof zur Sprache. Zahlreiche Fragen der Gäste zeigten, wie sehr das Publikum die vorgestellte Methode auf aktuelle gesellschaftliche Themen anwenden wollte.
Zum Abschluss richtete der Professor den Blick noch auf seine Wahlheimat Hof. Selbst das Autobahnschild mit dem Slogan „Park & See“ sei aus seiner Sicht ein interessantes Beispiel für Sprachwirkung. Die Formulierung bleibe mehrdeutig und werde den kulturellen Stärken der Stadt – etwa den Hofer Symphonikern oder dem Theater Hof – kaum gerecht.







Die rege Diskussion setzte sich noch nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung fort. Die Stadtvorlesungsreihe der Hochschule Hof bewies damit erneut, dass wissenschaftliche Themen auch außerhalb von Hörsälen auf großes Interesse stoßen – besonders dann, wenn sie den Alltag der Menschen unmittelbar berühren. Im Herbst 2026 finden die nächsten Stadtvorlesungen auf dem Kronacher Hochschulcampus statt.