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Neujahrsvorlesung 2026 an der Hochschule Hof: Plädoyer für das Unmögliche

Volles Haus zur Neujahrsvorlesung 2026; Bild: Hochschule Hof

Neujahrsvorlesung 2026 an der Hochschule Hof: Professor Lutz Fügener wirbt für den Mut zur Vision – und gegen die Angst vor der Zukunft. Am Anfang steht ein Gesang, der eigentlich unmöglich ist. In Luc Bessons Science-Fiction-Film The Fifth Element singt die außerirdische Diva Plavalaguna eine Arie, die selbst für trainierte Stimmen kaum zu bewältigen ist.

Nur etwa 60 Prozent stammen von einer realen Sängerin, der Rest wurde digital ergänzt. Ein Kunstgriff – und ein Sinnbild. Denn Jahre später sang die chinesische Opernsängerin Jane Zhang das Stück vollständig live. Offenbar wusste sie nicht, dass es als „unsingbar“ galt.

Mit dieser filmischen Gesangseinlage eröffnet Professor Lutz Fügener, Fahrzeugdesigner, seine Neujahrsvorlesung an der Hochschule Hof – und setzt damit den Ton für einen Abend, an dem es um Visionen geht, um Fantasie und um die Frage, warum Fortschritt ohne beides nicht denkbar ist. Rund 200 Anmeldungen zählt die Veranstaltung am Mittwochabend, 28. Januar, zu der der neue Vizepräsident für Forschung, Gerald Schmola, die Gäste im Hörsaal begrüßt.

Referent Prof. Lutz Fügener und Vizepräsident für Forschung Prof. Gerald Schmola; Bild: Hochschule Hof

Wir gehen mit Visionen nicht richtig um, aber wir müssen mit ihnen umgehen können.”

Prof. Lutz Fügener

Visionen, betont er, seien klar von Halluzinationen zu unterscheiden. Er definiert Visionen als Imaginationen. Sie seien nicht das Ergebnis der täglichen Arbeit von Designerinnen und Designern. Denn ohne Visionen fehle der Arbeit Richtung und Sinn.

Fügener, seit 2000 im Hochschuldienst und seit 2021 Professor für Advanced Mobility Design in Hof, spannt den Bogen weit zurück. Er zeigt, wie Ideen aus Literatur, Film und Zeichentrick immer wieder reale Entwicklungen vorweggenommen haben. Etwa das rückwärts landende Raumschiff aus dem Buch Project Mars, das später Hergés Comic Objectif Lune prägte. Hergé sei beinahe daran verzweifelt, seinen Helden Tim physikalisch korrekt auf den Mond zu schicken – im Gegensatz zu Star Wars, wie Fügener augenzwinkernd anmerkt. Heute landen Raketen tatsächlich rückwärts, gesteuert von Autopiloten und KI.

Auch im Animationsfilm The Wrong Trousers aus der Wallace-&-Gromit-Reihe erkennt Fügener frühe Reflexionen über Technikangst und die Dominanz von Maschinen. Exoskelette, so seine These, seien nichts anderes als die konsequente Fortsetzung eines uralten menschlichen Wunsches: die eigene Physis zu verstärken – vom Fahrrad bis zum humanoiden Roboter, wie ihn heute Firmen wie Neura Robotics oder Boston Dynamics entwickeln.

Die Beispiele reichen bis in die Gegenwart: flugfähige Autos aus der Slowakei, die sowohl für Straße als auch Luftraum zugelassen sind; Kopfhörer, die Gespräche in Echtzeit übersetzen und damit einen Menschheitstraum erfüllen – in Europa allerdings aus Datenschutzgründen noch deaktiviert sind. Und da ist noch der „Volonaut“, ein futuristisches Fluggerät, das tatsächlich bestellbar ist. Ob das im Internet kursierende Video hierzu KI-generiert oder real, ließ der Erfinder im Sinne des Guerilla-Marketing bewusst lange offen.

Immer wieder verweist er darauf, dass viele technische Errungenschaften ihren Ursprung in militärischer Forschung haben – auch autonome Fahrzeuge. Fügener geht auf gescheiterte oder vergessene Zukunftsentwürfe ein, etwa die drehbaren Flughäfen des Designers Norman Bel Geddes oder Concept Cars aus dem Jahr 1897, die bereits komfortables erhöhtes Sitzen und Lösungen gegen Reisekrankheit in engen Städten boten. „Wir müssen hinter die Fassade schauen“, sagt Fügener. „Im Keller liegt vieles Brauchbare. Wir müssen nur fragen, was der Sinn ist.“

In der lebhaften Schlussdiskussion antwortete er auf die Frage nach der Mobilität, wo sie denn in zehn Jahren stehe, differenziert: China werde auf zentrale Steuerung setzen, die USA auf viele Einzelfahrzeuge, Deutschland – „dreht am Lenkrad“. Doch eines sei sicher: „In den nächsten zehn Jahren wird es mehr Innovationen geben als in den letzten dreißig.“ Die Zukunft entstehe nicht von selbst. Man dürfe nicht „wie das Kaninchen vor der Schlange sitzen“.

Am Ende bleibt der Gedanke vom Anfang mit dem unsingbaren Lied: Dass das vermeintlich Unmögliche manchmal nur darauf wartet, dass jemand es einfach tut. Oder, wie Vizepräsident Schmola es formuliert: Visionen seien besser als Fiktion.

Anne-Christine Habbel

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