Über 300 Gäste aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik kamen im Institut für Informationssysteme der Hochschule Hof zum 14. IT-Forum Oberfranken zusammen. Zentrales Thema: Europas technologische Abhängigkeit – und die Frage, wie Deutschland digitale Souveränität zurückgewinnen kann.

Zum Auftakt betonte Hochschulpräsident Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Lehmann die Bedeutung der Veranstaltung für die Region: „Das IT-Forum zeigt jedes Jahr aufs Neue, wie wichtig der Austausch zwischen Forschung, Wirtschaft und Politik ist. Gerade bei Zukunftsthemen wie digitaler Souveränität brauchen wir Orte, an denen neue Ideen entstehen und Partnerschaften wachsen.“
Organisator Prof. Dr. René Peinl wies in seinem einleitenden Impuls zu digitaler Souveränität darauf hin, dass man einen Blick hinter die üblichen Narrative zur Alternativlosigkeit der marktführenden Produkte werfen und überlegen, was für Auswirkungen die eigene Entscheidung heute auf die Zukunft des Landes hat. Scheinbar rationale Entscheidungen einzelner können trotzdem zum kollektiven Rutsch in Richtung digitales Entwicklungsland führen.



Digitale Abhängigkeit als strategisches Risiko
Die parlamentarische Staatssekretärin Silke Launert eröffnete ihr Statement mit einer klaren Diagnose: Deutschland und Europa seien in zentralen Bereichen der digitalen Infrastruktur stark abhängig von US-amerikanischen Technologiekonzernen. „Fühlen Sie sich digital souverän?“, fragte Launert das Publikum und verwies auf eine Reihe von Zahlen, welche die Dimension der Abhängigkeit verdeutlichen. 96 Prozent der Unternehmen in Deutschland nutzen Software aus den USA und mehr als die Hälfte der deutschen Unternehmen könnte ohne amerikanische Software kein Jahr überleben.
Das meiste, was wir nutzen, stammt nicht aus Deutschland und entspricht oft nicht einmal unseren Datenschutzstandards.“
Dr. Silke Launert, Parlamentarische Staatssekretärin
Die Folge sei eine strukturelle Verwundbarkeit. Als Beispiel nannte sie ein Projekt zur digitalen Wassersteuerung in Bayreuth. Ein asiatischer Anbieter habe eine Lösung rund 20 Prozent günstiger angeboten als europäische Wettbewerber. Das wirtschaftliche Angebot allein dürfe jedoch nicht der einzige Maßstab sein.



„Wir müssen auch über Resilienz sprechen“, so die Staatssekretärin. Die Bundesregierung habe dafür im Rahmen der HighTech Agenda inzwischen eine eigene Definition entwickelt, da die Widerstandsfähigkeit digitaler Infrastruktur entscheidend für die wirtschaftliche Stabilität eines Landes sei. Launert plädierte auch für eine europäische Technologiepolitik – mit stärkerer Forschung, Open-Source-Lösungen und eigener Infrastruktur. Deutschland verfüge über eine starke Forschungslandschaft, die als Grundlage für neue technologische Angebote dienen könne.
Blick nach Asien
Die Science-Journalistin Eva Wolfangel führte das Publikum anschließend auf eine Reise durch die globale Technologiepolitik. Für ihre Recherchen hatte sie in Asien zahlreiche Technologieunternehmen besucht und unter anderem den Halbleiter-Pionier Morris Chang, Gründer des taiwanischen Chip-Giganten TSMC, interviewt.
Die Dominanz Taiwans bei der Chipproduktion sei keineswegs selbstverständlich gewesen, berichtete Wolfangel. Vielmehr sei sie aus einer wirtschaftlichen Notlage heraus entstanden. „Taiwan hatte damals kaum Kapital. Es war eine Wette auf die Zukunft“, zitierte sie Chang. Vor der Entwicklung der Halbleiterindustrie habe die Wirtschaft des Landes vor allem auf Textilproduktion basiert. Heute hingegen ist Taiwan einer der zentralen Standorte der globalen Chipindustrie – trotz erheblicher Risiken. „Ohne Sicherheit verlieren wir alles“, habe Chang im Gespräch betont. Selbst Naturkatastrophen wie Erdbeben könnten die hochpräzise Produktion empfindlich stören.
Wolfangel leitete daraus eine zentrale Frage für Deutschland ab: „Was ist unser unentbehrlicher Faktor in der globalen Technologieökonomie?“ Die Antwort falle derzeit ernüchternd aus:
Abhängigkeit funktioniert – bis sie nicht mehr funktioniert!”
Eva Wolfangel
Gleichzeitig warnte sie davor, Europas Innovationsfähigkeit zu unterschätzen. Als Beispiel nannte sie den Optik- und Technologiekonzern Carl Zeiss AG: Rund 80 Prozent der weltweit eingesetzten Lithographiesysteme, die zur Herstellung moderner Chips benötigt werden, stammen aus deutscher Produktion. Ein entscheidender Entwickler hinter dieser Technologie sei der Ingenieur Frank Rohmund, der über 25 Jahre hinweg durch Versuch und Irrtum an dem System gearbeitet habe. „Heute ist diese Technologie auf dem Weltmarkt praktisch unentbehrlich – und kaum jemand kennt dieses Monopol“, sagte Wolfangel.

Start-Ups präsentieren neue Ideen
Neben den Keynotes bot das IT-Forum auch eine Plattform für junge Technologieunternehmen. Zwei Start-ups stellten ihre Ideen in kurzen Pitches vor. Das Unternehmen Can.me präsentierte eine Lösung rund um Cloud-Infrastruktur, Netzwerktechnik und Identitätsmanagement. Ziel ist es, digitale Identitäten sicherer und gleichzeitig einfacher verwaltbar zu machen.



Das Start-up Krasper stellte eine KI-Firewall vor, die das Surfen mit autonomen KI-Agenten anonymisieren soll. Die Technologie soll künftig dabei helfen, Datenströme zwischen Nutzern und künstlichen Intelligenzen besser zu kontrollieren.
Gunter Dueck: „Wir sind naiv“
Für den provokantesten Vortrag des Tages sorgte der Informatiker und ehemalige IBM-Manager Prof. Dr. Gunter Dueck. Sein Einstieg war bewusst zugespitzt: „Wir sind sowas von naiv.“
Dueck erinnerte daran, dass viele technologische Entwicklungen lange unterschätzt worden seien. Bereits 2016 habe er über autonome Fahrzeuge gesprochen – damals seien seine Prognosen häufig belächelt worden. Heute jedoch fahren Fahrzeuge des Google-Ablegers Waymo in mehreren US-Städten bereits autonom durch den Alltag.
„Ich propagiere diese Entwicklungen nicht. Das sind schlicht Fakten.“
Prof. Dr. Gunter Dueck
Seiner Ansicht nach steht die nächste große Welle bereits bevor: Robotik und humanoide Systeme. Deutschland verfüge zwar über einzelne sogenannte Hidden Champions, doch insgesamt sei die Entwicklung fragmentiert. Ein Beispiel sei die Roboter-Greiftechnik – ein entscheidendes Element für viele Anwendungen.



„Das Hauptproblem bei Robotern ist die Hand“, sagte Dueck. In Deutschland beschäftige sich nur eine sehr kleine Zahl von Unternehmen intensiv mit diesem Thema. Gleichzeitig entstehe international eine neue Dynamik. Unternehmen in China, Südkorea, Taiwan und den USA investierten massiv in humanoide Roboter.
Auch kulturell gebe es Unterschiede. Während Technik in vielen Ländern als Symbol nationaler Stärke wahrgenommen werde, sei Deutschland deutlich skeptischer geworden. „Wir sind nicht mehr stolz auf Made in Germany“, sagte Dueck. „Andere Länder dagegen schon.“ Seine Schlussfolgerung formulierte er mit einem einfachen Grundsatz: „Wer aufschließen will, muss schneller sein als die Führenden.“
Vier spezialisierte Themenräume
Zudem boten beim IT Forum Oberfranken vier parallele Themenräume einen kompakten Einblick in zentrale Zukunftsfelder der digitalen Transformation: Von der Bedeutung von Open Source als Grundlage digitaler Souveränität über souveräne Cloud-Lösungen bis hin zu aktuellen Entwicklungen in KI und Robotik. Ergänzt wurde das Programm durch praxisnahe Einblicke in moderne Datenstrategien für Unternehmen, die verdeutlichten, wie Daten als wertvolle Ressource gezielt genutzt werden können.






Austausch und volle Messeflächen
Neben den Vorträgen bot das IT-Forum eine umfangreiche Fachmesse mit Unternehmen aus der Region. Die Veranstaltung richtete sich an ein breites Publikum aus der Wirtschaft, vor allem die Firmen der Region, aber auch an Politik und Interessierte. Mehrere Teilnehmer lobten die Organisation und die hohe Qualität der Veranstaltung. Besonders hervorgehoben wurden die strukturiert eingebundenen Messestände und die intensive Betreuung durch das Organisationsteam der Hochschule Hof.
„Das Programm war klar strukturiert und die Zielgruppe vor Ort stimmte“, berichtete ein Teilnehmer. Anders als bei vielen Veranstaltungen habe es keine künstliche Auffüllung durch Studierende gegeben – stattdessen seien vor allem Unternehmensvertreter anwesend gewesen. Auch die Sponsoren zeigten sich zufrieden. Durch eigene Zeitfenster für den Messebetrieb sei der Besucherandrang an den Ständen deutlich gestiegen.



Erfolgreicher Tag für die Region
Professor René Peinl, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Informationssysteme und Organisator der Veranstaltung, zog am Ende des Tages eine positive Bilanz.
„Wir sind sehr zufrieden mit der Veranstaltung. Über den Tag verteilt hatten wir rund 300 Gäste hier. Besonders wertvoll war der intensive Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Das IT-Forum ist ein absoluter Gewinn für die Region.“
Prof. Dr. René Peinl, Organisator

Das nächste IT-Forum Oberfranken findet 2027 an der Universität Bamberg statt.
Weitere Impressionen der Veranstaltung














