Für 22 Studierende begann das neue Wintersemester außergewöhnlich. Im englischsprachigen Kurs „Water Climate and Society“ des Masterstudiengangs Sustainable Water Management and Engineering saßen zur Überraschung der Studierenden zwei Gäste der Water Is Right-Stiftung. Der eine war Rolf Stahlhofen, Sänger und Mitbegründer der bekannten deutschen Band Söhne Mannheims und Gründer der Water Is Right-Stiftung. Der andere war der Vorsitzende des Stiftungsvorstands Karun Körnig.

Beide waren nicht zufällig in Hof. Hof hat eine besondere Bedeutung für Rolf Stahlhofen:
Hier hat alles mit der WaterIsRight Stiftung angefangen, als mich Thomas Willuweit von der Fa. Söll mit dem Thema Wasser angesteckt hat“.
Rolf Stahlhofen
Und in Hof haben sich Rolf Stahlhofen, Karun Körnig und Prof. Müller-Czygan vom Institut für nachhaltige Wassersysteme der Hochschule Hof (inwa) vor ca. 3 Jahren auf einer Wasserkonferenz kennengelernt und das gemeinsame Thema Culture of Maintenance entdeckt. Bei diesem Thema geht es in erster Linie um das Problem, das gelieferte Wassertechnik aus Industrieländern beim Einsatz in Schwellen- und Entwicklungsländern bereits nach kurzer Zeit nicht mehr funktionieren beziehungsweise im alltäglichen Betrieb Funktionsprobleme auftreten.
Die Erfahrungen der Water Is Right-Stiftung, die insbesondere die mangelhafte Wasserversorgung in ländlichen Gebieten in Afrika in Form von Förderprojekten unterstützt, zeigen als Hauptursache dieser Funktionsprobleme ein mangelndes Verständnis der meist nicht technischen Anwender für eine vorausschauende Wartung und eine strategisch angelegte Reparatur. In der Fachwelt und in der Wissenschaft nennt man dieses Phänomen Culture of Maintenance. Die Ursachen schlechter oder fehlender Wartung liegen nicht nur in einer zumeist mangelhaften finanziellen Ausstattung oder in fehlenden technischen Teilen. Sie sind stärker geprägt durch lokale kulturelle Verhältnisse bis hin zu religiösen Einflüssen.
Selbst in hochentwickelten Industrieländern wie Deutschland oder Kanada, der Heimat von Karun Körnig, gibt es eine mehr oder minder problematische Kultur für Wartung und Instandhaltung, sobald regelmäßige vorbeugende Inspektionen technischer Anlagen Geld und Zeit kosten. Dann lässt man es manchmal lieber darauf ankommen, ob eine Pumpe ausfällt oder nicht und man wird erst dann aktiv, wenn der Schaden da ist. In Entwicklungsländern kann dies bei Anlagen der Wasserversorgung lebensbedrohlich sein, wenn sich niemand um eine funktionierende Anlage kümmert, und die Wasserversorgung tagelang ausfällt.
Bislang hat die Water Is Right-Stiftung mit ihren Partnern den Fokus darauf gelegt, das benachteiligte Regionen und Ortschaften in Afrika finanzielle Unterstützung erhalten, um eine notwendige, rudimentäre Wasserversorgung aufzubauen. Dafür sorgt vor Ort Nancy Sikukuu, eine Wasseringenieurin aus Kenia, die der Vorlesung online zugeschaltet war. Sie erlebt hautnah vor Ort, welche Auswirkungen ein mangelndes Verständnis für Wartung und Instandhaltung auf die Technik der Wasserversorgung und damit für die Lebensgrundlage vieler Menschen hat. Nach mehr als 15 Jahren Engagement für die Realisierung einer lokalen Wasserversorgung will sich die Stiftung nun verstärkt darum kümmern, ein Bewusstsein für eine angemessene Wartung und Instandhaltung dieser durch Spenden und öffentlichen Geldern finanzierten Infrastruktureinrichtungen zu schaffen. So soll die Wasserversorgung für eine lange Zeit sichergestellt und effektiv betrieben werden können.
„ Als Musiker erreiche ich die Herzen der Menschen und kann sie für das Thema Wasser emotionalisieren. Ich möchte mit der Stiftung in den nächsten 10 Jahren die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Zugangs zu Wasser und Sanitärversorgung für 5 Millionen Menschen verbessern. Damit meine Ideen Realität werden, brauche ich Menschen wie Karun, Nancy und Günter, die nicht nur wie ich vom Wasserthema infiziert sind, sondern meine Ideen auch umsetzen können.“
Rolf Stahlhofen
Bereits beim Kennenlernen entstand die gemeinsame Idee, das praktische Engagement der Stiftung und das Weiterbildungs-Know-how der Hochschule miteinander zu verbinden. In den letzten zwei Jahren entstanden erste Studien zu den vielfältigen Aspekten der Culture of Maintenance und es wurde bereits eine Masterarbeit an der Hochschule Hof dazu erstellt. Zudem wurden gemeinsam erste Konzepte für ein Online-Format zur Weiterbildung der lokalen afrikanischen Partner der Water Is Right-Stiftung erstellt. Darauf aufbauend werden jetzt weitere konkrete Schritte wie die Beteiligung der Stiftung an der Vorlesung umgesetzt.
„ Eine gut funktionierende Wasserversorgung in Schwellen und Entwicklungsländern ist mehr, als mit Spenden westliche Technik zu liefern und einzubauen. Wir brauchen ein durchgehendes Bewusstsein in Bezug auf nachhaltige Wartung und Instandhaltung von der Produktplanung über die Auswahl und den Einkauf bis hin zum Einbau und dem Betrieb. Culture of Maintenance ist nicht nur ein Sammelbegriff, es ist auch eine Verbindung von Menschen, die sich dieser Sache widmen.“
Karun Körnig
Darüber hinaus müssen sich auch junge Menschen als akademisch ausgebildete Wasserfachleute mit dem Thema Culture of Maintenance auseinandersetzen. Eine angemessene Wartung und Instandhaltung entstehen nicht erst dann, wenn die Technologie verbaut ist. Sie muss bereits in den Konzepten und Planungen der jeweiligen Lösungen berücksichtigt werden, gerade wenn eine typisch westliche Technikausbildung fehlt. Akademische Weiterbildung und praxisorientierte Vor-Ort-Schulung müssen aufeinander abgestimmt werden.
Als Startschuss und Testlabor für eine akademische Weiterbildung der Culture of Maintenance wurde der Kurs „Water Climate and Society“ des Masterstudiengangs Sustainable Water Management and Engineering im Wintersemester 2026/27 ausgewählt. Er passt nicht nur inhaltlich hervorragend, denn Culture of Maintenance umfasst alle 3 Elemente des Kurses: Wasser, Klima und Gesellschaft. Die Zusammensetzung der Studierenden aus mehr als 10 Nationen ist zudem ein Spiegel der weltweit unterschiedlichen Herangehensweise und Bewertung öffentlicher Wasserinfrastrukturen.
„ Obwohl Wasser in vielen afrikanischen Regionen ein sehr knappes Gut ist, fehlt es vielen Menschen an einem ausreichenden Bewusstsein für den Wert des Wassers. Ich erlebe es nahezu jeden Tag, dass es an der Bereitschaft fehlt, Geld, Zeit und Engagement in ein dauerhaftes Funktionieren der gespendeten Technologien zu investieren. Wenn wir das ändern, können sich die Menschen viel besser selbst helfen.“
Nancy Sikukuu
In den kommenden vier Monaten des Winterssemesters lernen die Studierenden die verschiedenen Facetten der Culture of Maintenance kennen. Dabei bleibt es nicht nur bei der Theorie. Karun Körnig und Nancy Sikukuu werden den gesamten Kurs begleiten und intensiv mit den Studierenden an Beispielprojekten arbeiten, die aus der direkten Arbeit der Water Is Right-Stiftung stammen. Gemeinsam mit den Studierenden werden sie verschiedene Projekte betrachten, die jeweiligen Herausforderungen und Probleme in Bezug auf Wartung und Instandhaltung identifizieren und in Frage kommende Lösungen für eine Verbesserung der Culture of Maintenance erarbeiten. Professor Müller-Czygan wird für den erforderlichen theoretischen Wissensunterbau sorgen und die wissenschaftlichen Analysen begleiten. Und Rolf Stahlhofen wird sicher auch wieder in Hof vorbeischauen, und den Studierenden über die Schulter blicken.
Für die Studierenden ist die aktive Beteiligung von Rolf, Karun und Nancy ein Glücksfall. Tiefere Einsichten in praktische Probleme und Herausforderungen des wasserwirtschaftlichen Alltags als in NGO-Förderprojekten sind kaum möglich. Auch der Forschung bietet Culture of Maintenance ein breites Feld unbeantworteter Fragen und zu entwickelnder Lösungen.“
Prof. Günter Müller-Czygan
Eine Woche später waren Rolf Stahlhofen und Karun Körnig erneut in Hof. Karun Körnig übernahm einen Teil der Vorlesung und stellte die Grundidee der Culture of Maintenance aus Sicht der WaterIsRight-Stiftung vor. Nancy Sikukuu war wieder live aus Kenia zugeschaltet und berichtete von den Herausforderungen der Wasserversorgung vor Ort.

Bild: Hochschule Hof;
Um den zukünftigen gemeinsamen Aktivitäten den erforderlichen Rahmen zu geben, wird es in naher Zukunft eine offizielle Kooperationsvereinbarung zwischen der Hochschule und der Water Is Right-Stiftung geben. Geplant sind ein eigener Masterkurs zu Culture of Maintenance im Rahmen des Studiengangs Sustainable Water Management and Engineering als Wahlfach, der dann anderen Hochschulen, insbesondere in Afrika, zur akademischen Ausbildung dieses wichtigen Themas zur Verfügung gestellt werden soll. Ebenfalls soll dieses Thema Gegenstand gemeinsamer Forschung werden.

Die Verbindung von Musik, Entwicklungsförderung und Wissenschaft ist eine hervorragende Sache, um die Wichtigkeit einer nachhaltigen Funktionsfähigkeit von Wassersystemen hervorzuheben. Die Kooperation mit der Water Is Right-Stiftung ist sowohl für die Studierenden als auch für unsere Forschung ein echter Gewinn und bestätigt die Bedeutung der Wasserkompetenz der Hochschule.“
Prof. Dr. Gerald Schmola, Vizepräsident Hochschule Hof
Die fachliche Welt redet vermehrt von einer Zunahme an Komplexität. Sie erscheint aber häufig zu abstrakt und braucht anfassbare Lösungen und Konzepte. Die Kooperation der Hochschule Hof mit der Water Is Right-Stiftung im Kurs „Water Climate and Society“ des Masterstudiengangs Sustainable Water Management and Engineering geht neue Wege und macht Phänomene und Konsequenzen von Komplexität in der Wasserwirtschaft sicht- und erlebbar. Die aktive Lehrunterstützung durch von Karun Körnig und Nancy Sikukuu bringt internationale Entwicklungshilfe plakativ in den Hochschulunterricht, und ermöglicht es den Studierenden, Culture of Maintenance in einem wirksamen Lernprozess in ihrer Kompetenzerweiterung zu verankern.
Nach Ende des Kurses werden die Ergebnisse gemeinsam von der Hochschule und der Water Is Right-Stiftung dazu genutzt, einen skalierbaren Weiterbildungskurs auf akademischem Niveau zu entwickeln, der dann auch in afrikanischen Hochschulen in den Lehrplan einfließen soll. Parallel wird auch an einer Weiterbildung für lokale Praktiker gearbeitet, denn wie heißt es so schön: alle Theorie ist grau.