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Von “Du schaffst es eh nicht aufs Gymnasium” zur erfolgreichen Promotion

Als Kind mit Migrationshintergrund wurde ihm von der Lehrerin gesagt, er würde den Sprung aufs Gymnasium niemals schaffen – seit kurzem nun ist Marcin Czaban promovierter Wissenschaftler. In seiner Forschung beschäftigte er sich intensiv mit dem Einsatz von Fahrsimulatoren in der Entwicklung von Fahrzeugen und Fahrerassistenzsystemen. Sein Weg dorthin war alles andere als selbstverständlich: aus einer Familie mit Fluchtgeschichte, mit großen sprachlichen Hürden und wiederkehrenden Zweifeln von außen, hat er sich mit Beharrlichkeit und Disziplin bis zur Promotion vorgearbeitet.

Ein an der Hochschule Hof schon fast gewohntes Bild: Marcin Czaban bei seiner Forschungsarbeit am Fahrsimulator; Bild: Hochschule Hof;

Marcin, können Sie uns in wenigen Sätzen verraten, womit Sie sich in Ihrer Promotion beschäftigt haben und was der zentrale Forschungsansatz war?

„Grob gesagt habe ich mich während meiner Promotion mit dem Einsatz von (Fahr-)Simulatoren beschäftigt. Dabei ging es zum einen um die sogenannte Validität – also die Frage, ob die Ergebnisse übertragbar sind und ob sich eine Person im Simulator genauso verhält wie in einem realen Fahrzeug. Zum anderen habe ich untersucht, ob Simulatoren für die Messung der Kundenakzeptanz genutzt werden können. Ein besonderer Fokus lag auf physiologischen (Stress-)Reaktionen. Ich habe quasi alle Körperfunktionen betrachtet, die durch erhöhten Stress ausgelöst werden, wie schnelleren Herzschlag oder sogenannten ‚Angstschweiß‘.“

Wie sind Sie ursprünglich auf das Thema Ihrer Dissertation gekommen, und welche Motivation steckte dahinter?

„Ich kam zu dem Thema ein wenig wie die Jungfrau zum Kinde. In unserer Forschungsgruppe ERUX (Empirical Research and User Experience) haben wir an Fahrerassistenzsystemen und autonomen Fahrzeugen geforscht – insbesondere an deren Usability und Kundenakzeptanz. Meine beiden Professoren aus der Gruppe waren auf der CES in Las Vegas und haben dort einen Einblick in die Welt der Simulation bekommen. Sie stellten fest, dass ein Fahrsimulator notwendig sei, um den nächsten Schritt in der Forschung zu gehen. Zufälligerweise war ich gerade als frischer wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gruppe und kümmerte mich um die Schritte für die Investition. Es lag nahe, sich ein Forschungsthema am Simulator zu wählen, um eine Schnittmenge zum Projektalltag zu schaffen.“

Welche besonderen Herausforderungen sind Ihnen im Verlauf der Promotion begegnet – fachlich, organisatorisch oder persönlich?

„Fachlich war es definitiv die Einarbeitung in den Fahrsimulator. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich kaum Erfahrung im Programmieren. Die Arbeit mit dem Simulator und die Streckenerstellung zwangen mich, mich damit auseinanderzusetzen und Grundkenntnisse zu erwerben.

Organisatorisch und persönlich war die Selbstdisziplin eine Herausforderung. Man bekommt nichts vorgegeben, man muss alles selbst organisieren und sorgfältig planen. Dabei wächst man. Ein weiterer Punkt ist der Umgang mit Rückschlägen, zum Beispiel wenn eine Konferenz oder ein Journal eine Arbeit ablehnt, obwohl man viel Arbeit investiert hat. Das wichtigste Learning daraus ist: Rückschläge gehören dazu. Es liegt an einem selbst, ob man aufsteht und weitermacht. Scheitern ist menschlich.“

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit zwischen der Hochschule Hof und der Universität Bayreuth im Rahmen der kooperativen Promotion?

„Die Zusammenarbeit war nahtlos. Ich wurde von beiden Seiten bestmöglich betreut und war in Bayreuth immer gern gesehen. Besonders profitieren konnte ich von den Menschen, die man bei Doktorandenseminaren und ähnlichen Veranstaltungen kennenlernt. Die Professoren verstehen sich gut, was mir zugutekam, da alles reibungslos ablief und alle an einem Strang gezogen haben.“

Inwiefern hat die Verbindung von angewandter Forschung an der Hochschule und wissenschaftlicher Vertiefung an der Universität Ihren Forschungsprozess bereichert?

„An der Hochschule habe ich alle Grundlagen erlernt, die ich brauchte, insbesondere den Umgang mit den physiologischen Messgeräten. Durch den breiten Aufbau des Forschungslabors von Prof. Riedl erhalten bereits Marketing-Management-Studierende während ihres Studiums die Möglichkeit, mit den Geräten zu arbeiten. An einer Universität wäre dies aufgrund der hohen Studentenzahl schwer vorstellbar.

An der Universität konnte ich dafür tiefer ins wissenschaftliche Arbeiten und Publizieren einsteigen: wie eine Publikation aufgebaut sein sollte, wann Quellen geeignet sind und wie man wissenschaftlich fundiert arbeitet. Die Kombination beider Standorte hat mir den Einstieg erleichtert und mein wissenschaftliches Arbeiten deutlich vertieft.“

Welche Rolle haben Ihre Betreuer bzw. Doktorväter dabei gespielt, und was zeichnet die Zusammenarbeit mit ihnen besonders aus?

„Eine sehr große Rolle. So gesehen hatte ich drei Doktorväter: meinen Erstgutachter Prof. Baier von der Universität Bayreuth und mit Prof. Riedl und Prof. Wengler zwei in Hof. Auch wenn Prof. Wengler offiziell kein ‚Doktorvater‘ war, hatte ich ein starkes Dreiergespann, von dem ich sehr viel lernen konnte. Die Zusammenarbeit fühlte sich für mich wie Mentoring an: intensiver Austausch, fruchtbare Diskussionen und stetige Unterstützung. An dieser Stelle möchte ich mich auch noch einmal herzlich bei allen dreien bedanken. Mir fällt nichts ein, was man besser hätte machen können.“

Dr. Marcin Czaban im Kreise seiner Doktorväter und Promotionsbetreuer (v.l.): Prof. Dr. Joachim Riedl (Hochschule Hof), Prof. Dr. Daniel Baier (Universität Bayreuth), Dr. Marcin Czaban, Prof. Dr. Claas Christian Germelmann (Dekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth), Prof. Dr. Stefan Wengler (Hochschule Hof); Bild: privat;

Sie haben unlängst auf einem Netzwerk über ihren schwierigen Start als Kind mit Migrationshintergrund geschrieben und über die Zweifel, die Ihnen entgegengebracht wurden. Viele Menschen erleben – so wie Sie – in der Schule entmutigende Aussagen. Wie haben Sie es geschafft, solche Kommentare nicht nur zu überstehen, sondern sogar als Antrieb zu nutzen?

“Diese Aussagen haben mich natürlich getroffen, vor allem als Kind. Wenn dir jemand, der eigentlich an dich glauben sollte, sagt: „Du schaffst es eh nicht“, dann zweifelst du erst einmal an dir selbst. Aber gleichzeitig haben solche Sätze in mir etwas ausgelöst. Als meine Mutter mir erzählte, dass mein Mathelehrer mir die für den Übertritt ans Gymnasium benötigte Eins in der letzten Schulaufgabe nicht zutraue, war mein Gedanke sofort: „Dir zeig ich’s.“ Ich habe gelernt, diese Zweifel in Energie umzuwandeln. Es war eine Art Trotz, aber auch ein innerer Ehrgeiz, der sich dann über die Jahre verstärkt hat. Später, im Gymnasium oder Studium, war es nicht anders: Wenn jemand meinte, ich gehöre da nicht hin, hat mich das eher motiviert, noch härter zu arbeiten.”

Sie sind damit nun der erste Akademiker in ihrer Familie. Welche Rolle haben die Eltern und die gemeinsame Geschichte gespielt, trotz schwieriger Startbedingungen durchzuhalten?

“Eine sehr große. Meine Eltern flohen vor dem Kommunismus, kamen ohne Geld und ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland und haben trotzdem vom ersten Tag an gearbeitet. Für uns Kinder war das selbstverständlich, aber heute sehe ich, wie enorm diese Leistung eigentlich war. Ihr Arbeitsethos hat mich geprägt: Wenn sie so viel auf sich nehmen konnten, dann konnte ich mich nicht hinter Ausreden verstecken. Gleichzeitig war es aber auch schwierig, weil sie mich schulisch nur begrenzt unterstützen konnten. Aber genau das hat mir beigebracht, Verantwortung für meinen eigenen Weg zu übernehmen. Ich wollte ihnen etwas zurückgeben. Dass ich heute promoviert habe, ist für mich nicht nur ein persönlicher Erfolg, sondern einer, der ohne ihre Opfer und ihre Haltung niemals möglich gewesen wäre.”

Rainer Krauß

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