Vor vier Jahren kam Hany Dawood ohne Deutschkenntnisse aus Syrien nach Hof – in ein neues Land, ein neues Bildungssystem und in eine völlig unbekannte Umgebung. Doch sein Ziel war von Anfang an klar definiert: ein Masterstudium im Bereich Supply Chain Management. Heute hält er sein Zeugnis der Hochschule Hof in den Händen – mit der starken Abschlussnote 1,8. Neben intensiven Studienleistungen sammelte er wertvolle Praxiserfahrung bei der BSH Home Appliances Group, wo er sich mit Datenanalyse, Prozessoptimierung und der Standardisierung logistischer Abläufe beschäftigte.

Bild: privat;
Im Gespräch mit campuls-digital erzählt er, wie er sprachliche Hürden überwunden, welche Rolle die Betreuung an der Hochschule Hof gespielt hat und welche nächsten Schritte nun anstehen.
Herr Dawood, herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen Abschluss. Aber wie hat Ihre Reise begonnen?
„Der Wunsch, einen Master zu machen, begleitet mich eigentlich schon sehr lange. Schon nach meinem Bachelor wollte ich unbedingt weiterstudieren. Wegen der Situation in meinem Heimatland war das aber nicht möglich, deshalb habe ich in dieser Zeit gearbeitet. Trotzdem ist der Gedanke nie verschwunden. Ich hatte immer im Kopf, irgendwann noch einmal zu studieren, am liebsten in einem Land wie Deutschland. Für mich stand Deutschland für gute Ausbildung und eine echte Chance, noch einmal neu anzufangen.
Irgendwann habe ich mir gesagt: Wenn ich es jetzt nicht mache, werde ich es wahrscheinlich nie machen. Also habe ich mich bewusst dafür entschieden, mein Leben noch einmal von vorne zu beginnen – neue Sprache, neues Umfeld, neue Kultur. Ich wusste, dass es schwer wird. Aber es war mein persönlicher Traum, und ich wollte mir später nicht vorwerfen, dass ich ihn nie versucht habe.“
Hany Dawood
Wie haben Sie es geschafft, sich sprachlich so schnell zu integrieren, dass Sie ein anspruchsvolles Masterstudium erfolgreich absolvieren konnten?
„Die ersten zwei Jahre in Deutschland bestanden für mich eigentlich fast nur aus Sprachkursen. Ich war wirklich fast jeden Tag in der Sprachschule und habe versucht, im Alltag irgendwie klarzukommen. Es war nicht leicht, aber gleichzeitig auch motivierend, weil man jeden Tag ein kleines bisschen Fortschritt merkt. Als ich dann C1 erreicht hatte, war ich ehrlich gesagt ziemlich überzeugt, dass mein Deutsch jetzt wirklich gut ist. Ich habe mich an der Hochschule beworben, wurde angenommen – und dann kamen die ersten Vorlesungen.“
..und dann?
„Da kam die Realität. Ich saß im Hörsaal und habe fast nichts verstanden. Ich hatte das Gefühl, dass alle um mich herum folgen können – nur ich nicht. Nach den Vorlesungen war ich komplett erschöpft und mein Kopf hat richtig gebrummt. Ich habe mich gefragt, ob ich mich vielleicht zu früh eingeschrieben habe und ob der Master vielleicht doch zu viel für mich ist und ich mir nicht lieber einen einfachen Job suchen sollte.
Trotzdem wollte ich es wenigstens richtig versuchen. Also habe ich angefangen, sehr viele Fragen zu stellen, alles nachzulesen und mich mit jeder Kleinigkeit zu beschäftigen. Woche für Woche wurde es langsam besser. Das erste Semester war extrem anstrengend, aber meine Kommilitonen und auch die Professoren haben mich sehr unterstützt – besonders Herr Prof. Lender. Das hat mir viel Sicherheit gegeben. Im zweiten Semester habe ich deutlich mehr verstanden und auch viel mehr Selbstvertrauen bekommen. Das war genau diese schwierige Anfangsphase wahrscheinlich die wichtigste Zeit meines Studiums.
Am Ende durfte ich sogar zwei Semester lang als Hauptmentor im Studiengang Supply Chain Management und Logistik neue Studierende begleiten – und das war für mich ein Moment, auf den ich wirklich stolz bin.“
Woher kam die klare Fokussierung auf Supply Chain Management und was hat Sie überzeugt, sich für die Hochschule Hof zu entscheiden?
„Der Bereich Supply Chain Management hat mich interessiert, weil ich schon immer neugierig war, wie Unternehmen im Hintergrund eigentlich funktionieren. Man sieht als Kunde nur das fertige Produkt, aber dahinter stehen viele Prozesse, Planung und Abstimmung. Genau dieses Zusammenspiel fand ich spannend.
Für die Hochschule Hof habe ich mich entschieden, weil sie sehr praxisnah ist. Die Studiengänge sind übersichtlich, die Gruppen sind kleiner und man hat direkten Kontakt zu den Professoren. Gerade für mich als internationaler Student war das wichtig, weil man Fragen stellen kann und wirklich Unterstützung bekommt.
Hany Dawood
Rückblickend war das eine sehr gute Entscheidung. Ich hatte nie das Gefühl, nur eine Nummer zu sein, sondern wirklich Teil des Studiengangs.“
Wie haben Sie Ihr Studium und die Betreuung und Begleitung an der Hochschule Hof insgesamt erlebt?
„Ich habe das Studium an der Hochschule Hof als sehr persönlich erlebt. Die Professoren kennen die Studierenden wirklich mit Namen. Man konnte jederzeit Fragen stellen, auch nach der Vorlesung oder per E-Mail. Gerade in den ersten Semestern war das für mich sehr wichtig. Als internationaler Student hat man viele Unsicherheiten – nicht nur fachlich, sondern auch sprachlich und organisatorisch. Ich hatte aber immer das Gefühl, dass ich Unterstützung bekomme und mich jemand ernst nimmt. Was mir besonders“ gefallen hat, war die offene Atmosphäre. Man hatte keine Hemmung, etwas zu fragen, auch wenn es vielleicht eine einfache Frage war. Dadurch fühlt man sich schneller integriert.
Sehr hilfreich fand ich auch die Projekte mit Unternehmen. Dort sieht man zum ersten Mal, wie Prozesse in der Realität wirklich ablaufen. Man merkt schnell, dass vieles anders ist als im Lehrbuch. Man lernt, mit echten Problemen umzugehen, mit verschiedenen Abteilungen zu sprechen und Lösungen praktisch umzusetzen. Das gibt einem als Student viel Sicherheit und Motivation, weil man versteht, wofür man eigentlich lernt.“
Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erfolgsfaktoren – Disziplin, Zeitmanagement, Unterstützung, Praxiserfahrung? Und was raten Sie anderen?
„Ich glaube, es war eine Mischung aus allem. Unterstützung von Kommilitonen und Professoren war wichtig, genauso wie Praxiserfahrung. Aber wenn ich einen Punkt auswählen müsste, wäre es Konsequenz. Motivation hat man nicht jeden Tag. Es gab viele Tage, an denen ich keine Lust hatte oder müde war. Der Unterschied ist, ob man trotzdem weitermacht. Ich habe versucht, mir kleine Ziele zu setzen: jeden Tag ein bisschen lernen, früh mit Hausarbeiten anfangen und nicht alles bis kurz vor der Prüfung aufschieben.
Ein weiterer Punkt war, Hilfe anzunehmen. Am Anfang denkt man oft, man muss alles alleine schaffen – aber gerade im Studium ist es normal zu fragen. Dadurch lernt man schneller und hat auch weniger Stress. Mein Rat an andere Studierende: Vergleicht euch nicht zu viel mit anderen. Jeder hat ein anderes Tempo und einen anderen Hintergrund. Wichtig ist nur, dranzubleiben. Auch wenn es am Anfang schwer wirkt – irgendwann merkt man, dass es Schritt für Schritt leichter wird.“



Bilder: privat;
Während Ihres Studiums waren Sie bei der BSH Home Appliances Group tätig – mit Fokus auf Datenanalyse, Prozessoptimierung und Standardisierung logistischer Abläufe. Inwiefern hat diese Praxiserfahrung Ihr Studium bereichert – und umgekehrt?
„Die Tätigkeit bei BSH war für mich ein sehr wichtiger Schritt während des Studiums. In den Vorlesungen lernt man viele Methoden und Begriffe, aber erst im Unternehmen versteht man, warum sie wirklich gebraucht werden. Ich habe dort gemerkt, dass reale Prozesse viel komplexer sind als in einem Lehrbuch. Daten sind nicht immer vollständig, Abläufe sind historisch gewachsen und oft arbeiten mehrere Abteilungen gleichzeitig an einem Thema. Dadurch haben die Inhalte aus dem Studium plötzlich einen praktischen Sinn bekommen.
Umgekehrt hat mir das Studium geholfen, strukturierter zu denken. Ich konnte Probleme besser analysieren, gezieltere Fragen stellen und kleine Verbesserungsvorschläge einbringen. Besonders spannend fand ich zu sehen, wie Theorie und Praxis sich gegenseitig ergänzen. Für mich war das die Phase, in der ich gemerkt habe: Das, was ich studiere, ist nicht nur Theorie, sondern etwas, das man wirklich im Alltag anwenden kann.“
Wohin soll die Reise nun gehen – eher Richtung Industrie, Beratung oder weitere Spezialisierung im Bereich Supply Chain, Data Analytics oder Lean Management?
„Kurzfristig sehe ich mich klar in der Industrie. Ich möchte die Abläufe in einem Unternehmen richtig verstehen, Verantwortung übernehmen und praktische Erfahrung sammeln. Besonders interessieren mich Themen wie Prozessverbesserung, Datenanalyse und die Verbindung zwischen Logistik und Digitalisierung. Langfristig kann ich mir auch eine beratende Rolle vorstellen. Aber zuerst möchte ich ein solides Fundament in der Praxis aufbauen und den Arbeitsalltag wirklich kennenlernen. Mein Ziel ist nicht einfach nur eine Stelle zu haben, sondern Schritt für Schritt Kompetenz aufzubauen. Ich möchte irgendwann sagen können, dass ich Prozesse nicht nur aus Büchern kenne, sondern selbst erlebt und mitgestaltet habe. Ich sehe den Masterabschluss deshalb nicht als Ende, sondern eher als Anfang eines neuen Abschnitts.“
Vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg!