Unfold your career

Kostenlos abonnieren

Werden Sie regelmäßig per E-Mail über neue Ausgaben der campuls informiert. Sie können Ihr kostenloses Abo jederzeit einfach online über den Abmeldelink im Newsletter kündigen.

Weitere Infos zu Datenschutz & Widerrufsrecht finden Sie hier.

Demokratieförderung in Zeiten der gesellschaftlichen Polarisierung

Wie steht es um Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und politische Teilhabe in der Stadt Hof sowie in den Landkreisen Hof, Wunsiedel i. Fichtelgebirge und Tirschenreuth? Diese zentrale Frage stand im Mittelpunkt einer umfassenden wissenschaftlichen Studie der Hochschule Hof. Sie liefert eine Situations- und Ressourcenanalyse der vier regionalen „Partnerschaften für Demokratie“ im Rahmen des Bundesprogrammes „Demokratie leben“. Die Ergebnisse wurden im Rahmen einer Konferenz im Gründerzentrum Einstein1 vorgestellt.

Prof. Dr. Jens Kirchner (2.v.l.) überreicht Hofs Oberbürgermeister Stefan Schmalfuß die Studie der Hochschule Hof. Daneben Michaela Küster (Koordinatorin der Partnerschaft für Demokratie Stadt Hof), Dr. Sandra Häupler (Seniorenbeauftragte der Stadt Hof) und Dr. Angela Hager (Theologisch-pädagogischer Vorstand im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Bad Alexandersbad); Bild: Demokratie leben;

Die Untersuchungen wurden von Prof. Dr. Jens Kirchner, Sabrina Bauer und Lisa-Marie Mosebach durchgeführt. Ziel der Studien war es, eine wissenschaftlich fundierte Grundlage für die strategische Weiterentwicklung der lokalen Demokratieförderung im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ zu schaffen.

Wirksamkeit, Orientierung und strategische Weiterentwicklung

Im Zentrum der Analysen stand die systematische Erfassung der gesellschaftlichen Ausgangslage in den vier betrachteten Regionen. Dabei wurden demografische, soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklungen ebenso berücksichtigt wie bestehende Akteursstrukturen, Netzwerke und laufende Maßnahmen der Demokratieförderung. Ergänzt wurde die Auswertung statistischer Daten durch 43 leitfadengestützte Experteninterviews mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kommunalpolitik, Verwaltung, Bildungseinrichtungen, Zivilgesellschaft, Wohlfahrtsverbänden und Fachstellen.

„Ziel war es nicht nur, Problemlagen sichtbar zu machen, sondern konkrete Ansatzpunkte zu identifizieren, wie Demokratieförderung vor Ort wirksamer, nachhaltiger und besser vernetzt gestaltet werden kann.“

Prof. Dr. Jens Kirchner

Die Kombination aus quantitativen Strukturdaten und qualitativen Einschätzungen ermögliche eine realistische und differenzierte Bewertung der regionalen Situation.

Zentrale Befunde: Demografischer Wandel, Polarisierung und Teilhabedefizite

Die Studien zeigen deutlich, dass alle vier Regionen vor ähnlichen strukturellen Herausforderungen stehen – wenn auch mit unterschiedlichen Ausprägungen. Der demografische Wandel schreitet spürbar voran: Der Anteil älterer Menschen wächst stark, während die Zahl junger Menschen und der Erwerbsbevölkerung zurückgeht. Gleichzeitig nehmen Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheiten zu, insbesondere bei älteren Menschen, Ausländerinnen und Ausländern sowie Langzeitarbeitslosen.

Politisch ist eine zunehmende Polarisierung festzustellen. Während traditionelle Parteien teilweise deutliche Verluste verzeichnen, bleibt der Stimmenanteil populistischer Strömungen an den Rändern auf hohem Niveau. Parallel dazu hat sich die politisch motivierte Kriminalität in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Trotz dieser Herausforderungen leisten die Partnerschaften für Demokratie bereits heute einen wichtigen Beitrag: Allein im Jahr 2024 wurden 82 Projekte mit rund 17.300 Teilnehmenden umgesetzt – unter anderem in den Bereichen Demokratiebildung, Extremismusprävention, politische Bildung, soziale Teilhabe und Erinnerungskultur.

Fünf Handlungsfelder als strategischer Rahmen

Aus der Analyse leiten die Autorinnen und Autoren konkrete, priorisierte Handlungsempfehlungen ab, die in fünf übergeordnete Handlungsfelder gegliedert sind und in Workshops mit den Partnerschaften weiterentwickelt wurden.

Steuerung und Wirkung

Empfohlen wird eine stärkere Fokussierung auf Wirkung und Qualität. Einfache Evaluationsinstrumente, klare Zieldefinitionen und jährliche thematische Schwerpunktsetzungen sollen helfen, Ressourcen zu bündeln und Erfolge sichtbar zu machen. Zudem wird eine professionellere Koordination der Netzwerke angeregt, um kleinere Akteure besser einzubinden und Projekte langfristig zu verstetigen.

Netzwerke und Zugang

Um mehr Menschen zu erreichen, sollen Netzwerke gezielt erweitert und sogenannte „Bubble-Effekte“ überwunden werden. Neue Akteursgruppen – etwa aus Vereinen, Kirchen, Wirtschaft oder Rettungsdiensten – sollen stärker eingebunden werden. Der Abbau von Mobilitätsbarrieren, etwa durch mobile Angebote oder „Demokratie-Shuttles“, wird als wichtiger Hebel für mehr Teilhabe insbesondere im ländlichen Raum benannt.

Bildung und Formate

Politische Bildung soll durchgängig und lebensnah gestaltet werden – von der frühen Bildung bis ins Erwachsenenalter. Schulen werden dabei als zentrale Orte der Demokratiebildung gesehen, benötigen jedoch stärkere strukturelle Unterstützung. Niedrigschwellige sowie digitale und hybride Formate, insbesondere über soziale Medien, gelten als Schlüssel, um junge und bislang schwer erreichbare Zielgruppen einzubinden.

Schutz und Support

Angesichts zunehmender Anfeindungen gegen Kommunalpolitikerinnen und -politiker empfehlen die Studien den Ausbau von Schutz-, Beratungs- und Unterstützungsstrukturen. Gleichzeitig sollen Radikalisierungstendenzen frühzeitig erkannt und Verwaltung sowie Fachkräfte gezielt geschult werden.

Integration und Übergänge

Demokratische Teilhabe gelingt dort, wo Integration aktiv gestaltet wird. Eine gelebte Willkommenskultur, die bessere Verzahnung von Sprache, Bildung und Arbeit sowie die Stärkung von Quartiersarbeit und Begegnungsräumen gelten als zentrale Voraussetzungen für gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Wissenschaft als Orientierung für die Praxis

„Mit den vorliegenden Studien liegt den vier Partnerschaften für Demokratie erstmals eine umfassende, vergleichbare und praxisnahe Analyse ihrer Wirkungsräume vor. Sie soll Kommunen, Politik und Zivilgesellschaft dabei unterstützen, Demokratieförderung künftig noch gezielter, nachhaltiger und wirkungsorientierter auszurichten“, so Prof. Dr. Jens Kirchner abschließend.

Rainer Krauß
Veröffentlichung: 15.10.2026

Weitere Themen