Die neuen PISA-Ergebnisse sorgen für Diskussionen über die Zukunft des deutschen Bildungssystems. Die Leistungen der 15-Jährigen in Deutschland sind in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften so schlecht wie noch nie seit Beginn der PISA-Erhebungen. Rund ein Drittel der Jugendlichen erreicht beim Lesen und in Mathematik nicht einmal das grundlegende Kompetenzniveau. Doch die Jugendlichen von heute sind die Studierenden von morgen: Wenn ein wachsender Teil der Schulabgänger Schwierigkeiten mit Mathematik, Lesen, Textverständnis oder selbstständigem Problemlösen hat, stellt sich zwangsläufig auch die Frage nach der Studierfähigkeit.
Müssen Hochschulen künftig stärker kompensieren, was Schulen nicht mehr leisten können? Müssen sich Lehre, Studienorganisation und Betreuung verändern? Darüber haben wir mit Prof. Dr.-Ing. Dietmar Wolff, Vizepräsident Lehre der Hochschule Hof, gesprochen.

Herr Professor Wolff, die aktuellen PISA-Ergebnisse sind alarmierend. Wenn Sie diese Zahlen aus der Perspektive einer Hochschule betrachten: Was bedeuten sie für die Hochschulbildung der kommenden Jahre?
„Die PISA-Ergebnisse sind ein Weckruf, der auch an den Hochschulen nicht folgenlos bleiben darf und wird. Von dem einen Drittel der 15-Jährigen, die nicht einmal das grundlegende Kompetenzniveau in Lesen und Mathematik erreichen, wird ein Teil in wenigen Jahren auch an unsere Hochschulen kommen. Wir müssen uns auf eine wachsende Heterogenität bei den Studienanfängerinnen und -anfängern einstellen. Das heißt konkret: Lehre muss mit unterschiedlichen Ausgangsniveaus umgehen können – durch gezielte Vorkurse, flexible Lernangebote und mehr individuelle Betreuung. Dabei wissen wir aber auch: Studierfähigkeit ist mehr als ein Schulabschluss.“
PISA misst 15-Jährige – bis diese Jugendlichen an einer Hochschule ankommen, vergehen noch einige Jahre. Ist trotzdem bereits heute absehbar, dass Hochschulen künftig mit größeren Defiziten bei grundlegenden Kompetenzen umgehen müssen?
„Ja, absolut. Die aktuellen PISA-Daten sind kein Einzelereignis, sondern der vorläufige Tiefpunkt einer Entwicklung, die wir an den Hochschulen seit Jahren spüren. Schon heute fehlen Studienanfängern in Mathematik – und das auch nicht nur in der Ingenieurmathematik – grundlegende Fertigkeiten bei einfachen mathematischen Operationen. Selbst wenn diese Jugendlichen erst in vier bis sechs Jahren bei uns ankommen, müssen wir jetzt die Weichen stellen – in der Studienorganisation, in der Einstiegsphase und in der Weiterbildung unserer Lehrenden. Wer wartet, bis die Kohorte da ist, hat wertvolle Zeit verloren.“
Was bedeutet für Sie eigentlich konkret „Studierfähigkeit“ – welche Kompetenzen sind hier primär gefragt?
„Studierfähigkeit umfasst für mich vier Bereiche. 1. fachliche Grundlagen – eine solide mathematische Basis und die Fähigkeit, anspruchsvolle Texte zu verstehen und einzuordnen. 2. methodische Kompetenzen – abstraktes Denken, selbstständiges Problemlösen, sich Wissen eigenständig erarbeiten. 3. Selbststeuerungskompetenz – Zeitmanagement, Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz. Und 4. Neugier und die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Gerade die Selbststeuerungskompetenz wird häufig unterschätzt – und gerade dort beobachten wir leider die größten negativen Veränderungen.“
Beobachten Sie bei Studienanfängern bereits Veränderungen bei diesen grundlegenden Kompetenzen?
„Ja, vor allem zwei Entwicklungen. Zum einen die zunehmende Heterogenität: die Bandbreite der Ausgangskompetenzen innerhalb einer Kohorte wird größer. Zum anderen eine veränderte Lernhaltung – eine gewisse „Kurzfrist-Optik“: viele erwarten schnelle, unmittelbare Lösungen. Längere Denkprozesse, das Aushalten von und Umgehen mit Nicht-Wissen, eigenständiges Durcharbeiten eines Problems fallen vielen zunehmend schwer. Das ist nicht den jungen Menschen anzulasten, sondern Ergebnis einer Lernkultur, die auf Abrufbarkeit ausgelegt war – und natürlich dem Einfluss der Sozialen Medien.“
Wenn Schülerinnen und Schüler mit erheblichen Defiziten bei Mathematik, Lesen oder Problemlösen an die Hochschule kommen: Wie weit kann und sollte eine Hochschule diese Lücken überhaupt schließen?
„Eine Hochschule kann und soll unterstützen: mit Vorkursen, Tutorien, Mentoring sowie aktivierender und coachender Lehre. Aber es gibt eine klare Grenze – wir können und dürfen nicht die Schule ersetzen. Grundlegende Lese- und Rechenkompetenzen müssen vor dem Studium erworben sein. Werden diese Lücken systematisch nachgeholt, verbrauchen wir Ressourcen für nachholende Bildung und laufen Gefahr, die Standards schleichend abzusenken. Das wäre der falsche Weg – für die Absolventen, für den Ruf der Hochschule und für die Unternehmen. Deshalb gilt: Angebote schaffen, Erwartungen klar kommunizieren, konsequent bewerten. Kompensation darf nicht in Absenkung umschlagen.“
Gleichzeitig verändert Künstliche Intelligenz das Lernen fundamental. Könnte KI gerade bei Kompetenzlücken helfen – etwa als persönlicher Tutor und Lernbegleiter? Oder besteht die Gefahr, dass Studierende durch KI Aufgaben erledigen lassen, ohne die notwendigen Fähigkeiten selbst zu erwerben?
„KI ist ein mächtiges Werkzeug und kann gerade bei Kompetenzlücken helfen – aber nur bei richtigem Einsatz. Ein gut gestalteter KI-Tutor gibt individuelles Feedback, stellt adaptive Übungsaufgaben und ist rund um die Uhr verfügbar. Genau das brauchen Studierende mit Lücken: personalisierte, geduldige Wiederholung. Die Gefahr ist ebenso real: Löst die KI die Aufgaben, statt den Lernprozess zu begleiten, entsteht Scheinkompetenz. Deshalb braucht es klare Regeln, die wir gerade mit unserer KI-Leitlinie schaffen. Aber es braucht auch eine durchdachte Lehrdidaktik und entsprechende Prüfungsformate, die echte Kompetenz sichtbar machen – etwa mehr mündliche Prüfungen oder semesterbegleitende Entwicklungsprozess-Bewertungen. Kurz: KI als Lernbegleiter ja, als Aufgabenlöser nein. Und KI-Kompetenz (neudeutsch AI Literacy) ist eine zentrale Studierfähigkeit von morgen und für die Arbeitswelt eine wesentliche Zukunftskompetenz.“

sieht durch die Entwicklung der PISA-Ergebnisse gestiegenen
Anpassungsbedarf von Universitäten und Hochschulen;
Bild: Hochschule Hof;
Sollte sich die Hochschullehre angesichts dieser Entwicklung verändern?
„Unbedingt – und nicht nur wegen PISA. Die Lehre muss aktivierender und kompetenzorientierter werden: viel weniger Frontalvorlesung, mehr Flipped Classroom, projektbasiertes Arbeiten, Peer-Learning und regelmäßiges formatives Feedback. All das findet sich auch in der gerade in einem kooperativen Prozess neu geschriebenen Lehr-Strategie der Hochschule Hof. Denn, gerade an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften müssen wir nah an der Praxis arbeiten – das ist großes Potenzial für Motivation und Verständnis. Zudem müssen wir die Einstiegsphase besser begleiten und unsere Lehrenden unterstützen – mit hochschuldidaktischen Angeboten, KI-Trainings, Zeit für neue Lehrformate und einer Anerkennungskultur, die gute Lehre tatsächlich würdigt.“
Wenn Sie drei Dinge im deutschen Bildungssystem verändern könnten, um die Studierfähigkeit künftiger Generationen zu verbessern: Was müsste aus Ihrer Sicht ganz oben auf der Liste stehen?
„An erster Stelle: die Stärkung der Grundlagen in der Schule – und zwar früh. Leseförderung, Sprachbildung und mathematische Basiskompetenzen gehören in die frühen Jahre, mit konsequenter Diagnose und gezielter Förderung. Zweitens: die Lehrkräfte. Wir haben einen dramatischen Lehrkräftemangel und eine Überlastung, die Innovation in den Schulen fast unmöglich macht. Es braucht mehr gut ausgebildete, aber auch innovativ denkende Lehrkräfte und bessere Arbeitsbedingungen. Drittens: die Schnittstelle Schule–Hochschule neu denken – weniger Auswendiglernen, mehr selbstreguliertes Lernen, Projektarbeit und echte Problemlösung. Denn selbstständig lernen zu können, ist am Ende der Kern der Studierfähigkeit.“
Vielen Dank!