Korruption ist längst kein Randthema mehr: Skandale in Politik, Wirtschaft und Verwaltung zeigen, wie stark sie Vertrauen, Effizienz und letztlich demokratische Prozesse gefährdet. Gleichzeitig entstehen durch Digitalisierung und komplexere Organisationsstrukturen neue Risiken — aber auch neue Chancen für eine wirksame Prävention.

Prof. Dr. Carsten Stark ist ein auf diesem Fachgebiet bundesweit immer wieder gefragter Experte: Der Soziologe leitet den Studiengang Wirtschafts- und Organisationssoziologie (WOS) an der Hochschule Hof sowie das Institut für Korruptionsprävention e.V. Darüber hinaus berät er in Korruptionsfragen die Deutsche Bundesbank und diverse internationale Unternehmen.
Herr Prof. Stark, welche Umstände im gesellschaftlichen Kontext begünstigen Korruption?
„Sieht man einmal von der situativen- spontanen Korruption ab, begünstigen vor allen Dingen langjährige und persönliche Beziehungen Korruption. Derartige soziale Beziehungen schaffen Vertrauen und Abhängigkeiten, die man im korruptiven Sinne ausnutzen kann. Da sich ja sowohl Geber- als auch Nehmerseite strafbar machen, ist ein sehr großes Vertrauen der beteiligten Akteure eine wichtige Komponente.“
Gibt es Bereiche, die besonders anfällig für Korruption sind – wie Bauwesen oder Dienstleistungssektor?
„Man hatte vor allen Dingen immer den Baubereich vor Augen, weil es hier oft langjährige Beziehungen gab und ein nachträgliches Abgleichen von Leistungsbeschreibungen und tatsächlichen Leistungen nur schwer, oft gar nicht möglich ist. Aber von diesem Fokus ist man mittlerweile ab. Wir haben in den letzten Jahren gelernt, dass Korruption auch in Kulturämtern, Ausländer- und Sozialämtern, beim Strafvollzug und natürlich auch an Universitäten vorkommt. Um nur einige Beispiele zu nennen.“
Ist aber jeder „Gefallen“ gleich Korruption, wo liegt die Grenze und welche Formen von Korruption sind am schwierigsten erkennbar (Alltag)?
„Man kann durchaus auch als Amtsträger freundlich und hilfsbereit sein, Zumindest ist es nicht verboten. Man sollte nur tunlichst darauf achten, in diesen Zusammenhängen keine persönlichen Vorteile, also Geschenke oder dergleichen anzunehmen. Das Paradoxe ist, dass viele Formen der Korruption durchaus im Alltag problemlos erkennbar sind, Pflegepersonal, Lehrkräften oder Müllmännern Geld- oder Gutscheine zu schenken ist z.B. strafbar. Bei meiner letzten Bundestagswahl habe ich im Wahllokal eine Spendenkasse für die Wahlhelfer erblicken dürfen. Das ist sehr einfach zu beobachten, weil irgendwie durch „Kultur“ und „Tradition“ gedeckt.

Schwer ist es, wenn die immens gestiegene Verwaltungskomplexität bei Vergabe- oder Genehmigungsverfahren es selbst Insidern und der Rechnungsprüfung schwierig macht, die informellen Absprachen auf Aktenlage zu erkennen. Oder um es auf den Punkt zu bringen: Die Verwaltungsverfahren sind mittlerweile so kompliziert, dass geschickt gemachte Korruption kaum noch auffällt. Da hilft dann in der Regel nur Kommissar Zufall, „nette“ Nachbarn oder ein geschiedener Ehepartner.“
Welche Rolle spielen eigentlich die Machtverhältnisse in der Entstehung korrupter Netzwerke?
„Eine sehr große. Die Bürokratie zeichnet sich nach wie vor durch eine starke Hierarchie aus. Je weiter es da nach oben geht, desto weniger werden Handlungen und Entscheidungen hinterfragt. Auch sollte man den Einfluss der Politik auf die Verwaltung nicht unterschätzen.“
Inwiefern beeinflusst Korruption das Vertrauen der Bevölkerung in demokratische Institutionen?
„Sehr stark! Korruption greift das Vertrauen in die Demokratie gleich auf mehreren Ebenen an. Zum einen zerstört sie die Idee einer Gleichbehandlung. Zum anderen schließt sie sozusagen formale Regelungen und politische Entscheidungen kurz. Meist zudem in wettbewerbsverzerrender Absicht. Der Steuerzahler wird dann zur Kasse gebeten. Wenn dann noch publik wird, dass Millionenbeträge in private Kassen verschwinden, ist der Schaden erheblich.“
Wie würden Sie den Stand der Korruption in Deutschland oder der EU derzeit beurteilen?
„Das ist schwer zu sagen. Das Bundeslagebild des BKA verzeichnet alle entsprechenden Fälle. Aber die Zahlen sind sehr davon abhängig, ob gerade in dieser Zeit etwas aufgedeckt wurde. Wir müssen und sollten von einem großen Dunkelfeld ausgehen. Schon allein, um die Prävention und auch Verfolgung nicht zu vernachlässigen.“
Wie prägt Korruption die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes?
„Das ist unterschiedlich. Von volkswirtschaftlicher Seite ist man mittlerweile zur Erkenntnis gekommen, das sich Korruption durchaus positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken kann. Letztlich ist nur sicher, dass sie den Glauben an die Legitimität politischen Entscheidens (Demokratie) oder die Funktionalität staatlicher Ökonomie (Ein-Parteienherrschaft) untergräbt. In China etwa ist für den Staat Korruption dann ein Problem, wenn dadurch die ökonomische Deutungsmacht der kommunistischen Partei hintergangen wird. Es gibt aber auch durchaus die These, dass die Ökonomie der Planwirtschaft der DDR ohne Korruption schon viel früher zusammengebrochen wäre. Ökonomisch gesehen verschwindet Geld ja nicht, es wechselt nur seinen Besitzer.“
Gibt es eigentlich kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung und Toleranz von Korruption – immerhin gibt es Länder, die seit Generationen als korruptionsanfällig gelten und wo man vielleicht die Frage nach dem tatsächlichen Problembewusstsein stellen könnte? Oder sind das nur Vorurteile?
„Darauf kann man nicht so einfach antworten. Es gibt natürlich kulturelle Faktoren. So sind z.B. protestantisch geprägte Kulturen weniger korruptiv, wie katholisch geprägte, bis heute. Aber diese allgemeinen Setzungen werden zum Vorurteil, wenn man sie auf den einzelnen Fall projiziert.“
Wo sehen Sie die größten Schwachstellen in bestehenden Kontrollsystemen?
„Die bestehenden Kontrollsysteme machen bereits hoch komplexe Verwaltungsverfahren noch komplexer. Das bedeutet für die Behörden Mehrarbeit und stößt daher auf wenig Gegenliebe. Wichtiger wäre es, die Vorgänge in den Verwaltungen zu vereinfachen und damit auch überschaubar und transparent zu machen. Davon redet man allerdings seit Dekaden. Das Gegenteil ist aber leider der Fall. Die Rationalität dahinter ist falsch. Ich befürchte die Idee ist es, mit immer mehr Vorgaben und Vorschriften immer rechtskonformer zu werden. Die nicht-intendierte Folge ist, dass mit der Steigerung der Komplexität auch die Möglichkeiten für Korruption steigen. Das geht aber leider dem klassischen Verwaltungsjuristen einfach nicht in den Kopf.“
Welche Rolle spielen Angst oder Loyalität, wenn Menschen Korruption nicht melden? Oder anders gefragt: Sollte „Whistleblowing“ rechtlich besser geschützt werden?
„Wir haben ja jetzt neuerdings das Hinweisgeberschutzgesetz. Nach langem Zögern wurden hier europäische Regelungen auch in Deutschland implementiert. Aber ich befürchte, auch diese Regelungen werden nicht wirklich zu einer Verbesserung der Situation beitragen. Ich denke, Angst spielt hier eine große Rolle. Wirklich sachdienliche Hinweise können aufgrund der Verwaltungskomplexität im Prinzip ja nur von Experten kommen und das sind in der Regel dann Kolleginnen und Kollegen in der Behörde.“
Wie kann Korruption generell staatlicherseits besser bekämpft werden?
„Durch Stärkung der Schwerpunktstaatsanwaltschaften, personell besserer Ausstattung der Steuerfahndung und Betriebsprüfung, Vereinfachung der Verwaltungsverfahren und Verschärfung der Regelungen in Bezug auf die Politik. Mandatsträger sollten prinzipiell den gleichen Regelungen unterliegen wie Amtsträger.“
Welche erfolgreichen Beispiele der Korruptionsbekämpfung kennen Sie?
„Korruptionsbekämpfung ist im Alltag ständig erfolgreich. Das noch immer vorhandene Vertrauen der Bürger in die Integrität der Verwaltung ist hierfür der Maßstab.“
Immer wieder wird geraunt, dass manch internationaler Konzern Geld für Korruption in den Bilanzen verstecken würde, um in vermeintlich dafür anfälligen Ländern an Aufträge zu gelangen – Aufträge, die dann wiederum im Heimatland Arbeitsplätze erhalten oder sichern. Oder man denke an die oftmals mit Fragezeichen verbundenen Vergaben sportlicher Großereignisse, von denen auch viele Menschen profitieren. Ketzerisch gefragt: Kann Korruption in bestimmten Situationen sogar als „funktional“ angesehen werden – oder wie ist die ethische Komponente zu beurteilen?
„Natürlich ist das so. Korruption kann funktional und ökonomisch sinnvoll sein. Das hier angesprochene Problem ist eher ein rechtliches, ethisches und politisches Dilemma. Das „Bestechungsgeld“ fließt in diesen Fällen ja nicht in den Etat für Schulen und Krankenhäuser der jeweiligen Länder, sondern wird für privaten Konsum genutzt. Das ist immer so. Das Geld fehlt dann anderswo. In der Ukraine etwa an der Front oder der Instandhaltung der Infrastruktur. Der Steuerzahler zahlt dann letztlich immer den Preis.“
Welche Rolle könnten KI und Datenanalysen bei der Aufdeckung von Korruption spielen?
„Was KI angeht, sind wir erst am Anfang. Datenanalysen hingegen werden schon sehr umfangreich genutzt. Letztlich geht es da aber eher um Untreuesachverhalte oder um Betrug. Das Manipulieren von Daten ist jetzt nicht mehr so einfach, wie noch vor zwanzig Jahren.“
Wird Korruption durch Digitalisierung insgesamt eher einfacher oder schwerer?
„Unsere Erfahrung ist, dass digitalisierte Daten eine gewisse Faktizität entwickeln und nicht mehr wirklich mit der Realität abgeglichen werden. Was einmal im System ist, hat Bestand. Auch werden bei der Digitalisierung der Verwaltungsverfahren ja nur die formalen Aspekte Bestandteil des Workflows. Das Problem bei der Korruption sind aber die informellen Absprachen, die der digitale Prozess nie abbildet.“
Danke für das Gespräch!



