Was verrät ein Gesicht über den Menschen dahinter? Können Augen, Stirn oder Falten mehr erzählen als Worte – oder ist das alles nur ein Spiel mit alten Mythen? Dr. Julia Frank vom Institut für nachhaltige Wassersysteme (inwa) beschäftigt sich in ihrer Freizeit mit einem Hobby, das ebenso faszinierend wie kontrovers ist: dem Facereading, dem sogenannten „Gesichtlesen“. Der Autor dieser Zeilen wagt das Experiment – ein Gespräch über Linien, Formen und Charakterzüge – und stellt sich mutig als Anschauungsobjekt zur Verfügung. Mögen meine Stirn stark und mein Kinn gnädig sein!

Auch wenn die Praxis des „Gesichtlesens“ heute für viele als unwissenschaftlich gilt und in der modernen Psychologie keinen wirklichen Platz hat, blickt sie auf eine jahrtausendealte Geschichte zurück – von der chinesischen Siang-Mien-Lehre bis zu Typenlehren der Antike. Zwischen Kulturgeschichte und Menschenkenntnis bewegt sich ein Thema, das neugierig macht. Und was, wenn doch was dran ist?…
Julia, wie bist du überhaupt zum Facereading gekommen – war es Zufall, Neugier oder eine besondere Begegnung?
„Das war im Herbst 2021. Damals bin ich – ohne danach zu suchen – auf zwei Podcasts gestoßen, die mich erstmals auf das Thema aufmerksam gemacht haben. In derselben Woche entdeckte ich dann noch einen weiteren Artikel zum Thema in einer Zeitschrift. Aus blanker Neugier habe ich mir dann von Anne Fierhauser mein eigenes Gesicht lesen lassen und war schnell wirklich angefixt von dem Thema. 2022 habe ich dann begonnen mich ausbilden zu lassen und das Gesichtlesen selbst zu erlernen.“
Facereading gilt heute bei vielen als unwissenschaftlich. Was fasziniert dich trotzdem so sehr daran?
„Dass es komplett unwissenschaftlich ist, das bestreite ich. Es ist weder wissenschaftlich belegt noch widerlegt und immerhin gibt es mittlerweile Forscherteams, welche die uralte Lehre des Gesichtlesens wieder aufgreifen und die Schwester des Gesichtlesens, das Lesen der Mimik, ist bereits sehr gut wissenschaftlich belegt. Ich denke also, es ist nur eine Frage der Zeit. Das Gesichtlesen ist eine Lehre, die sich auf allen Kontinenten unabhängig voneinander entwickelt hat. Nachdem es früher nicht die medizinischen Diagnosetechniken gab, die wir heute kennen, mussten andere Informationsquellen gefunden werden, die es ermöglichten, zum Beispiel Krankheiten vorherzusagen oder zu erkennen.“
Welche der historischen Wurzeln haben dich besonders beeindruckt?
„Das ist ganz unterschiedlich. Die traditionelle chinesische Medizin sieht zum Beispiel bis heute für jedes Organ des Körpers eine Projektionsfläche im menschlichen Gesicht. An diesen kann man Dispositionen für Krankheiten schon Jahre vorher erkennen, bevor sie im Labor messbar sind. Oder nehmen wir das Beispiel Hippokrates aus der griechischen Antike und seine bekannten „Acht Zeichen des Todes“: Wenn sechs dieser acht Zeichen im Gesicht zu sehen sind, dann wusste man, dass der Mensch innerhalb von 24 Stunden sterben würde. Derlei Erkenntnisse aus der Historie gibt es viele. Diese Lehre wiederzuentdecken und dabei das alte Wissen der Menschheit einzubeziehen, ist für mich außerordentlich spannend!“
Aber mal skeptisch formuliert: Es sehen sich viele Menschen ja schon aus genetischen Gründen ähnlich und dennoch haben sie nicht automatisch dieselbe Persönlichkeit…
„Richtig. Man kommt mit einer Genetik auf die Welt und sieht beispielsweise einem Elternteil sehr ähnlich. Aber der Lebensstil und die Umwelt verändern den Menschen und das gesamte Gesicht im Rahmen seiner Genetik. Das kann man sogar bei eineiigen Zwillingen erkennen, wo es nach und nach doch deutliche Unterschiede gibt, die für das geschulte Auge erkennbar sind. Aber natürlich ist die Analyse nicht immer einfach. Man sitzt mehrere Stunden an einem Gesicht, um die Aussagen des Gesichts freizulegen. Generell kann ich behaupten: Es gibt nichts im Gesicht, das keine Bedeutung hat!
Gibt es typische Merkmale im Gesicht, auf die Facereader besonders achten? Stirn, Augen, Mund – was „erzählt“ am meisten?
„Verschiedene Merkmale oder Teilbereiche des Gesichts stehen für besondere Themenbereiche wie die Kommunikation oder die Arbeitsweise. Die linke Gesichtshälfte ist die emotionale Seite, das ist das Gesicht, welches wir Freunden und der Familie zeigen. Die rechte Gesichtshälfte dagegen ist die rationale Seite, welche zum Beispiel die eigene Persönlichkeit in der Öffentlichkeit oder im Berufsleben widerspiegelt.
Die Augen dagegen sind das Tor zur Seele und generell gilt für Gesichtslesende: Egal was Falten, Narben oder andere Merkmale sagen, Augen und Mund haben immer das letzte Wort. Sie geben Auskunft über die aktuelle Gefühlslage und Lebensweise und sie verändern sich auch am schnellsten – nicht nur in der spontanen Mimik.”
Dr. Julia Frank
Die Stirn dagegen steht für die Denkprozesse, also auch dafür, ob jemand sehr geradlinig oder unkonventionell denkt. Wir achten dabei auf vieles: Art und Ausprägung der Stirnfalten, die Neigung, die Höhe oder auch die Breite der Stirn. Alles hat eine bestimmte Bedeutung. Der Mund ist unter anderem für die Kommunikation zuständig. Wenn jemand einen großen Mund hat, können wir davon ausgehen, dass er gut und gerne vor Menschen spricht, insofern dem keine widersprüchlichen Merkmale entgegenstehen“. Dies sind aber nur einzelne Facetten, letztendlich muss ich immer das gesamte Gesicht betrachten, um den Menschen in der Tiefe zu verstehen“.
Ein Gegenargument: Man würde sicherlich auch einen Sänger oder eine Sängerin mit kleinem oder schmalen Mund finden…
„Natürlich! Deshalb lesen wir immer nur das, was wir sehen – und schließen nicht etwa auf das Gegenteil, nur weil ein Merkmal nicht oder anders ausgeprägt ist.“
Gibt es Situationen, in denen dir Facereading im Alltag tatsächlich geholfen hat – etwa beim ersten Eindruck von Menschen?
„Da muss man zunächst einmal klar sagen: Wir alle sind Gesichtsleser! Nur eben unbewusst und vielleicht rein auf Gefühlsbasis. Ich habe dafür eine Ausdrucksmöglichkeit gelernt, wie eine Sprache. Das Gesicht ist für uns alle ganz entscheidend dafür, ob wir jemand sympathisch finden, ob wir ihm vertrauen oder gar als potentiellen Partner oder Partnerin sehen – und das ist etwas, was oft im Bruchteil von Sekunden und völlig unbewusst passiert.“
…trotzdem hast Du ja eine andere Beurteilungsbasis als die meisten…
„Ich lese Gesichter professionell tatsächlich nur im Auftrag. Dann setze ich mich mit dem Gesicht sehr lange auseinander. Aber natürlich nützt das Wissen im Privaten und im Beruflichen. Wenn mich bestimmte Dinge regelrecht anspringen, dann kann ich das natürlich nicht vermeiden, dann ist das einfach so. Und natürlich gibt es auch Gesichter, die in mancherlei Hinsicht sehr auffällig sind. Ich lese aber natürlich nicht bewusst, um mir einen Vorteil zu verschaffen. Das ist auch nicht die Intension einer guten Gesichtsleserin.“
So. Jetzt wird es ernst – aber für mich! Wenn du mein Gesicht betrachtest – was springt dir spontan ins Auge? Bitte etwas diplomatisch bleiben – wir arbeiten schließlich weiter zusammen!…
“Ok, wir haben natürlich nicht viel Zeit, darum vielleicht ein kurzes Speedreading der für mich auffälligsten Merkmale, ok?“
Ok…
„Du hast sehr eng anliegende Ohren. Das spricht für einen Menschen, der sehr gerne in Harmonie lebt. Das heißt nicht, dass Du deshalb notwendige Konflikte vermeidest, vor ihnen Angst hast oder sie nicht bestehst – aber Du fühlst Dich darin nicht unbedingt wohl. Du willst eher Frieden.
Außerdem hast du auffällige Lach- und Nasenfalten. Bei Letzteren sprechen wir von sogenannten Schalkfalten. Die tragen Menschen, bei denen Humor eine sehr große Rolle im Leben spielt und die im wahrsten Sinn den Schalk im Nacken tragen. Du hast wahrscheinlich einen sehr geselligen Humor und eine positive Art der Welt zuzuzwinkern – und dabei im persönlichen Umfeld dafür zu sorgen, dass sich viele Menschen mit Dir sehr wohlfühlen.
Außerdem hast Du weit auseinanderstehende Augen, wie man das in der Natur zum Beispiel von Fluchttieren kennt, die ihre Umgebung im Auge haben müssen. Das sorgt nicht nur ganz praktisch für einen wesentlich ausgeprägteren peripheren Blick als ihn andere haben. Im Bereich des Gesichtslesens steht dieses Merkmal auch tatsächlich für einen großen Weitblick auf die Dinge.“
Vielen Dank für die Blumen, Julia! Das sind ja alles erstmal recht positive Dinge. Jeder Mensch hat aber ja nun positive wie negative Seiten. Was gibt es denn Kritisches aus meinem Gesicht zu berichten?
„Einen Konflikt sehe ich tatsächlich. Deine Gesichtsform ist recht rund und mondähnlich. Das sind Menschen, die möchten, dass es ihrem Umfeld gut geht und die gerne in Geselligkeit sind. Solche Menschen bringen aufgrund dieser Disposition aber keinen direkten Führungsanspruch mit, der dir an anderer Stelle aber in deiner „privaten“ Gesichtshälfte geschrieben steht in Form einer kleinen Warze auf der linken Gesichtshälfte.“
Was ist damit?
„Bei so etwas sprechen wir von einem „eingeschlossenen Groll“. Das könnte man so interpretieren, dass Du vielleicht dein eigentliches Führungspotenzial in deinem privaten Umfeld gar nicht auslebst, vielleicht auch aufgrund deiner großen Harmoniebedürftigkeit.“
Hmh. Darüber muss ich erstmal nachdenken. Hast du dich schon einmal bei einer Analyse gründlich geirrt?
„Jedenfalls nicht so, dass ich es mitbekommen habe. Natürlich kann auch nicht jeder mit dem, was ich ihm sage, umgehen. Aber: Das Gesicht lügt nicht!“
Vielen Dank für das Gespräch!