Zehn Studierende der Hochschule Hof haben Ende September eine Projektwoche an der Penn State Abington in Pennsylvania verbracht. In gemischten deutsch-amerikanischen Teams beschäftigten sie sich mit einer sensiblen Frage: Wie lassen sich Krebspatientinnen und -patienten verständlich über klinische Studien informieren und gut begleiten, und wie wird daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell für das Gesundheitstechnologie-Unternehmen Azra AI?

Wie spricht man Menschen, die gerade eine Krebsdiagnose erhalten haben, auf eine klinische Studie an? Und wie entsteht daraus ein Angebot, das sich für ein Unternehmen auch wirtschaftlich trägt? Mit diesen Fragen haben sich zehn Studierende der Hochschule Hof vom 28. September bis 2. Oktober 2026 an der Penn State Abington in Pennsylvania beschäftigt. Gemeinsam mit Studierenden der amerikanischen Partnerhochschule arbeiteten sie eine Woche lang an einer realen Aufgabe aus der Praxis.
Ein echter Fall aus der Gesundheitsbranche
Die Aufgabe stellte Azra AI aus Nashville, Tennessee. Das Unternehmen nutzt künstliche Intelligenz, um klinische Daten in US-Krankenhäusern auszuwerten. Mit seiner Clinical Research Platform findet Azra schnell passende Patientinnen und Patienten für klinische Medikamentenstudien.
Bislang konzentriert sich Azra AI darauf, geeignete Patientinnen und Patienten für klinische Studien zu identifizieren. Nun möchte das Unternehmen sein Geschäftsmodell erweitern und auch die anschließende Kommunikation und Begleitung der Betroffenen unterstützen. Wie könnten solche zusätzlichen Leistungen aussehen? Welchen Mehrwert bieten sie den Patientinnen und Patienten, den Krankenhäusern und Azra AI selbst? Wie kann KI dabei helfen, die Kommunikation zu verbessern, Unsicherheiten abzubauen und Patientinnen und Patienten bei einer informierten Entscheidung über die Teilnahme an einer klinischen Studie zu unterstützen? Und wie lässt sich daraus ein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell entwickeln?
Dabei war echte Interdisziplinarität gefragt. Die Hofer Studierenden brachten die betriebswirtschaftliche Perspektive ein: Sie analysierten Zielgruppen und Stakeholder, entwickelten Ideen für neue Leistungen und erarbeiteten einen Business Case. Auf amerikanischer Seite kamen Studierende aus der Informatik, aber auch aus anderen Fächern wie der Biologie dazu und lieferten den technischen und fachlichen Blick.
Drei Teams, ein Ziel: gesucht wird die beste Idee
Kennengelernt haben sich die Studierenden erst am ersten Tag in Abington. Dann ging es direkt los: Drei deutsch-amerikanisch gemischte Teams mit jeweils fünf bis sieben Mitgliedern traten gegeneinander an. Am Ende sollte das Team mit dem überzeugendsten Lösungskonzept für Azra AI gewinnen. Gearbeitet wurde im neuen Gebäude der Penn State Abington. Die lichtdurchfluteten Räume bieten viel offene Arbeitsfläche und Gruppenräume für konzentriertes Arbeiten.
Jeder Tag begann mit einem Morgenbriefing der Lehrenden mit den einzelnen Teams. Angelehnt an den Design-Thinking-Prozess coachten die Lehrenden die Teams durch die einzelnen Phasen. Sie diskutierten mit ihnen Ideen und passende Methoden für Recherche, Ideenfindung und Prototypenentwicklung. Bei Bedarf gab es spontane Q&A-Runden mit Vertretern von Azra.
Zu Beginn mussten die Studierenden das Problem erst einmal vollständig durchdringen. Für die meisten war das Neuland: Angefangen beim US-Amerikanischen Gesundheitssystem, über Krebsdiagnosen und Therapiewege bis hin zur Frage, welche Unterstützung Betroffene wirklich brauchen. Die Studierenden gingen das Thema mit großer Ernsthaftigkeit und viel Engagement an. Sie befragten relevante Personengruppen und setzten sich intensiv mit der Lage von Krebspatientinnen und -patienten auseinander mit ihren Bedürfnissen und den Herausforderungen in der Kommunikation mit ihnen. Gearbeitet und präsentiert wurde durchgehend auf Englisch.
Gleichzeitig blieb der Auftrag ein unternehmerischer. Die Ideen sollten Azra neue Leistungen eröffnen und sich wirtschaftlich rechnen. Den Menschen hinter den Daten gerecht zu werden und zugleich Leistung und Profitabilität im Blick zu behalten, war zeitweise ein Balanceakt. Gerade daran sind die Teams gewachsen.

Wie gut die Gruppe zusammengewachsen ist, zeigte eine spontane Idee: Mitten in der Woche schlugen die Studierenden eigene Projektshirts vor und entwarfen gleich das Design dazu. Die Lehrenden druckten die Shirts daraufhin in einer Nacht-und-Nebel-Aktion im Makerspace der Penn State Abington.
Der Demo Day: Ergebnisse vor Unternehmensvertretern
Am Ende der Woche stellten die drei Teams ihre Ergebnisse und strategischen Empfehlungen den Vertreterinnen und Vertretern von Azra AI vor. Besonders überzeugte das Gewinnerteam mit einem konsequent patientenorientierten Ansatz. Anhand konkreter Patient Journeys zeigte es, an welchen Stellen entlang des Behandlungs- und Studienverlaufs Kommunikationsprobleme entstehen können: von der ersten Ansprache über die Begleitung während einer Studie bis hin zur weiteren Therapie. Darauf aufbauend entwickelte das Team einen durchgängigen Prozess und stellte prototypische Lösungen für die einzelnen Phasen vor.

Mehr als Projektarbeit: New York und Philadelphia
Auch abseits des Campus hatte die Reise viel zu bieten. Vor Projektbeginn verbrachte die Hofer Gruppe einen Tag in New York. Auf dem Programm standen das 9/11 Memorial, der Times Square und Chinatown. Höhepunkt war der Blick auf die Wolkenkratzer im Sonnenuntergang.
Während der Projektwoche wohnte die Gruppe in Philadelphia und lernte die Stadt an den Abenden kennen. Sie besuchte die Independence Hall und die Liberty Bell, stöberte durch den Reading Terminal Market und probierte das berühmte Philly Cheesesteak. Ein Pflichtprogramm waren natürlich auch die „Rocky Steps“ vor dem Philadelphia Museum of Art.

Auf dem Campus sorgte eine gemeinsame Runde Disc Golf mit den amerikanischen Kollegen für Abwechslung zwischen den Arbeitsphasen.

Gelebte Internationalisierung
Das Projekt ist eine Kooperation der Hochschule Hof mit der Penn State Abington. Die teilnehmenden Studierenden können dabei ECTS für Ihr Studium erwerben. Dabei lernen sie, neuartige Probleme zu erkennen und zu analysieren und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Ihre Ergebnisse präsentieren sie vor dem Auftraggeber, argumentieren für ihre Ideen und verteidigen sie.
Das Feedback kommt direkt aus der Praxis: Die Vertreter von Azra AI zeigten sich sichtlich angetan von der Qualität und Tiefe der völlig unterschiedlichen Ideen und Ausarbeitungen. Einiges davon will das Unternehmen weiterverwenden.
Die Studierenden haben sich auf ein Thema eingelassen, das viel Fingerspitzengefühl verlangt, und dabei den unternehmerischen Blick nicht verloren. Am Montag haben sie sich zum ersten Mal gesehen, am Freitag haben sie Lösungen präsentiert, die Azra tatsächlich weiterverwenden will.“
Prof. Dr. Tina Wiegand und Prof. Dr. Oliver Mauroner
Gemeinsam haben Prof. Wiegand und Prof. Mauroner das Projekt geleitet und die zehn Hofer Studierenden vor Ort begleitet. Ob es im nächsten Jahr wieder ein solches Projekt gibt, steht noch nicht fest. Die beiden arbeiten aber daran, auch künftig internationale Projekte anzubieten, in denen Studierende praxisnah, fallbezogen und interdisziplinär in einem internationalen Kontext lernen und arbeiten. Interessierte Studierende können sich gerne bei Prof. Dr. Tina Wiegand melden.