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Ein Abend für die Demokratie – und für eine engagierte Stadtgesellschaft

Mehr als 180 Gäste diskutierten beim 11. Europa-Forum an der Hochschule Hof über Desinformation, politische Teilhabe und die Frage, wie sich Demokratie im Alltag verteidigen lässt. Demokratie funktioniert nicht wie ein Streamingdienst. Man kann sie nicht abonnieren, sich zurücklehnen und darauf vertrauen, dass sie schon irgendwie weiterläuft. Sie lebt davon, dass Menschen sich einmischen. Doch was passiert, wenn immer mehr Menschen in ihrer eigenen Wirklichkeit leben, politischen Institutionen misstrauen und sich aus dem öffentlichen Diskurs zurückziehen.

Die Akteure des 11. Europa-Forums an der Hochschule Hof; Bild: Hochschule Hof;

„Sie schauen nicht zu. – Sie machen mit!“, sagte Dietmar Wolff, Vizepräsident Lehre und Professor an der Hochschule Hof, zur Begrüßung. Schon die Entscheidung, an diesem Abend ins Audimax zu kommen, sei ein erster Schritt. Unter dem Motto „Demokratie ist kein Streamingdienst – Mitmachen statt Zuschauen!“ hatten die Hochschule und der Soroptimist International Club Hof/Saale Fachleute aus Europa, Wissenschaft und Zivilgesellschaft eingeladen.

Hildegard Zeilinger, amtierende Präsidentin der Hofer Soroptimistinnen betonte in ihrer Begrüßung, dass sich ihre Organisation für die Stärkung von Frauen und deren Sichtbarkeit einsetze. 2026 feiert der Hofer Club sein 20-jähriges Bestehen. Das Europa-Forum passe zu den Club-Zielen: „Soroptimistinnen lieben Netzwerke! Wir wollen Menschen zusammenbringen.“ Der Abend verbinde bewusst die europäische, nationale und kommunale Ebene und bringe unterschiedliche Perspektiven ein.  Gemeinsam wolle man sich für Frauenrechte und somit für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde stark machen.

Demokratie muss verteidigt werden

Dass die Demokratie unter Druck steht, wurde in den Impulsvorträgen aus unterschiedlichen Perspektiven deutlich. Katja Reppel von der Europäischen Kommission beschrieb eine Gesellschaft, in der der Zusammenhalt brüchiger wird und sich unterschiedliche Wirklichkeiten herausbilden. Nicht mehr alle informierten sich über dieselben Medien – viele Menschen bewegten sich in ihrer eigenen Informationsblase. Desinformation verschärfe diese Entwicklung. Zugleich bröckele das Vertrauen in die Regierung.

Reppel verwies auch auf internationale Entwicklungen und zitierte eine Studie: Nur noch 29 Länder verfügten über liberale Demokratien. Zugleich fänden große Teile der Bevölkerung die Vorstellung eines starken Mannes an der Spitze durchaus akzeptabel. Demokratie sei deshalb keine Errungenschaft, auf der man sich ausruhen könne. „Die Demokratie muss jeden Tag verteidigt werden“, lautete ihre Botschaft. Die Referentin warb dafür, sich politisch einzubringen – etwa in Parteien und über nationale Grenzen hinweg.

Wie eng Demokratie und digitale Öffentlichkeit inzwischen miteinander verbunden sind, zeigte Inga-Lena Darkow, die sich als Professorin mit künstlicher Intelligenz beschäftigt und bei Soroptimist International Europa auch die Arbeitsgruppe KI leitet. So bequem es sei, eine nach unseren Vorlieben vorsortierte Wahrheit über soziale Netzwerke zu beziehen, so problematisch sei es für die Demokratie, wenn es keine unterschiedlichen Meinungen mehr gebe. „Können wir unseren Augen noch trauen?“, fragt Darkow. Wir haben es vermehrt mit Deepfakes und Desinformationen zu tun, die durch KI verstärkt werden. Dadurch entstehe ein Vertrauensverlust, der schlecht für die Demokratie sei. Nachrichten ließen sich immer schwerer einordnen, und auch künstliche Intelligenz müsse kritisch begleitet werde. Die Zivilgesellschaft müsse sich einbringen, um die KI zu regulieren.

Auch die Folgen digitaler Angriffe wurden angesprochen. Gerade Frauen, die sich politisch engagieren, seien im Netz häufig mit Anfeindungen und Frauenfeindlichkeit konfrontiert. Wenn sich Betroffene deshalb aus öffentlichen Debatten zurückzögen, gingen der Demokratie wichtige Stimmen verloren. Es brauche deshalb eine Kultur, in der Menschen widersprechen und Fragen stellen könnten, ohne dafür eingeschüchtert zu werden. Weibliche Vorbilder müssten sichtbarer werden, und demokratische Stimmen dürften nicht den lautesten Akteuren überlassen bleiben.

Wie Demokratie vor Ort gestärkt werden kann, rückte Helga Lukoschat, Leiterin der AG KI bei Soroptimist International Europa den Mittelpunkt. „Kommunalpolitik ist nicht der Keller, sondern das Fundament der Demokratie“, sagte sie. Viele Frauen fänden über ihr zivilgesellschaftliches Engagement den Weg in die Politik. Vereine, Initiativen und gesellschaftliche Netzwerke seien damit nicht nur Orte des Miteinanders, sondern häufig auch Ausgangspunkte für politische Verantwortung. Der Gedanke fügte sich in die zentrale Botschaft des Abends: Demokratie lebt davon, dass Menschen sich einbringen – und dass aus Engagement konkrete Mitgestaltung werden kann.

Dass demokratische Beteiligung auch eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit ist, zeigte sich ebenfalls in der Diskussion. Frauen stellen gut die Hälfte der Bevölkerung, sind in politischen Ämtern aber weiterhin unterrepräsentiert. EU-Repräsentantin Reppel verwies zudem auf das wirtschaftliche Potenzial gleichberechtigter Teilhabe: Würden Frauen nicht vom Arbeitsmarkt verdrängt, könnte die Wirtschaftsleistung deutlich höher ausfallen. Pfarrerin Nicola Aller, stellvertretende Dekanin und Öffentlichkeitsreferentin im Evang.-luth. Dekanat Hof, schlug im Rahmen des auf den Vortrag folgenden Podiumsgesprächs vor, stattdessen den Fokus auf das Sozialkapital, also die Menschen zu legen.

Demokratie beginnt vor der eigenen Haustür

Im Podiumsgespräch wurde der Blick von Europa auf die Region gelenkt. Mit dabei waren auch Hanna Vinichuk, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Hof, Björn Stark, Student an der Hochschule Hof, Heidi Lange von den „Omas und Opas gegen Rechts“ sowie Thorsten Schaumann, künstlerischer Leiter der Internationalen Hofer Filmtage. Auch die Erfahrungen von Rolf Schwanitz, der in Deutschland als Politiker zwei politische Systeme erlebt hat, kamen zur Sprache.

Vinichuk, die in der Ukraine geboren wurde und seit 30 Jahren in Deutschland lebt, betonte, wie sehr sie die Freiheit hierzulande schätze. Gerade wer die Unterschiede aus eigener Erfahrung kenne, wisse demokratische Rechte zu würdigen.

Wie wichtig historische Erinnerung ist, wurde ebenfalls deutlich. Die Demokratiegeschichte Deutschlands sei vergleichsweise jung, sagte Schwanitz in der Diskussion. Die Erfahrungen jener Generation, die Diktatur und den Umbruch von 1989 selbst erlebt habe, gingen nach und nach verloren. Zugleich sei es wichtig, junge Menschen nicht nur als Zielgruppe politischer Bildung zu betrachten, sondern sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Heidi Lange ergänzte, dass bei ihren Aktionen nicht nur Ältere für die Demokratie demonstrieren, sondern auch viele Jüngere dabei seien.

Beteiligungsmöglichkeiten nutzen

Björn Stark, ehemaliges studentisches Mitglied des Hochschulsenats, formulierte eine einfache Empfehlung: Man müsse Gelegenheiten nutzen, sich engagieren und auch einmal Ja sagen, wenn sich eine Möglichkeit zur Beteiligung biete. Das könne im Hochschulalltag beginnen, bei kulturellen Veranstaltungen oder in der Nachbarschaft. Auch die Internationalen Hofer Filmtage wurden von Leiter Schaumann als Beispiel für einen Ort der Vielfalt genannt: „Sie sind ein Mikrokosmos von Demokratie! Jung und Alt, Menschen aus der ganzen Welt kommen hier zusammen“. Sein Appell: Nicht nur über Gefährdungen reden, sondern überlegen: „Was machen wir?“

Doch die Diskussion zeigte auch, dass Engagement nicht für alle gleichermaßen leicht ist. Zeit sei ein knappes Gut, gerade für Alleinerziehende und Menschen, die neben der Arbeit viel Verantwortung trügen. Wer demokratische Beteiligung stärken wolle, müsse deshalb nicht nur an die persönliche Bereitschaft appellieren, sondern auch passende Möglichkeiten und Rahmenbedingungen schaffen. Parteien und Institutionen müssten offener werden und mehr Menschen ansprechen als jene, die ohnehin schon aktiv sind.

Einigkeit bestand darin, dass Demokratie nicht erst in Parlamenten und politischen Gremien beginnt. Sie entsteht auch in den Familien, in Gesprächen unter Nachbarn, beim Stammtisch und im Umgang mit Menschen, die eine andere Meinung vertreten. Zugleich wurde kritisch angemerkt, dass manche schwierigen Themen des politischen Alltags an diesem Abend nicht ausdrücklich angesprochen worden seien.

Ein klares Bekenntnis – und eine Aufgabe

Eine interne Umfrage unter Studierenden der Hochschule Hof unter Leitung von Peter Schäfer, Professor und Mitbegründer des Europa-Forums, ergab nach den Angaben des Abends, dass etwa 85 bis 90 Prozent der befragten Studierenden zur Demokratie stehen. Zugleich sehen viele offenbar Verbesserungsbedarf bei ihrer konkreten Ausgestaltung in Deutschland. Das ist kein Widerspruch: Wer demokratische Grundwerte bejaht, muss nicht mit der aktuellen politischen Praxis zufrieden sein.

Gerade darin liegt eine Herausforderung für demokratische Institutionen. Kritik darf nicht automatisch als Ablehnung der Demokratie verstanden werden. Sie kann auch der Versuch sein, sie besser zu machen. Dafür braucht es offene Debatten, nachvollziehbare Entscheidungen und die Erfahrung, mit der eigenen Stimme tatsächlich etwas bewirken zu können.

Raum für demokratischen Diskurs und Appell für Engagement

Die Hochschule Hof bot beim 11. EUROPA FORUM einen Raum für Diskussion über Demokratie und Teilhabe. Sie führte unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammen und machte deutlich, wie vielfältig demokratisches Engagement in der Region bereits ist. Die entscheidende Frage bleibt allerdings, wie sich auch jene erreichen lassen, die sich bislang nicht angesprochen fühlen. Dass Bildung der Schlüsselfaktor sei, um ein Bewusstsein für den Wert von Demokratie und Freiheitsrechten zu entwickeln, betonte Hildegard Zeilinger und verwies auf das Jubiläumsprojekt der Hofer Soroptimistinnen: Mit einem interaktiven Theaterstück von Franziska Fröhlich können Kinder von 4 bis 9 Jahren Demokratie erleben. Interessierte können für das Projekt spenden, Kindergärten und Grundschulen können sich für eine Förderung bewerben.

Anne-Christine Habbel
Veröffentlichung: 22.10.2026

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